Erwachsenenbildung zwischen politischer Visionen und persönlichem Nutzen.
Der Begriff „lebenslanges Lernen“ wird in der heutigen Gesellschaft hoch frequentiert benutzt. Umgangssprachlich beschreibt er die persönliche Weiterentwicklung über die gesamte Lebensspanne hinweg sowohl privat als auch im beruflichen Kontext. Das schließt Fähigkeiten, Fertigkeiten, aber auch Wissen und soziale Kompetenzen ein. Obwohl die Idee des lebenslangen Lernens schon in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen ist, ist dessen Bedeutung nicht immer klar. Sowohl Experten, Institutionen und der Staat führen keine einheitliche Definition.
Konkrete Rahmenbedingungen für die Ausbildung von einer kindlichen Phase bis hin zum Einstieg in den Berufsalltag sind gesetzt. Blicken wir ins frühe, mittlere oder späte Erwachsenenalter, so werden Anforderungen schwammiger, Richtlinien fehlen.
Was bedeutet überhaupt Erwachsenenbildung in einem bildungspolitischen Kontext? Was sollte mich persönlich dazu motivieren, lebenslanges Lernen zu fördern? Um diese Fragen beantworten zu können, müssen wir zunächst den Begriff eingrenzen.
Gesetzliche Förderung
In Österreich bietet das Bundesgesetz vom 21. März 1973 über die Förderung der Erwachsenenbildung und des Volksbüchereiwesens aus Bundesmitteln die rechtliche Grundlage. Als förderungswürdige Aufgaben werden nahezu alle aktiven Bildungsweisen von einer politischen Bildung, über eine religiöse Bildung, hin zu beruflichen Aus- und Weiterbildungen genannt. Explizit ausgenommen werden innerbetriebliche Berufs- Aus- und Fortbildungen, parteipolitische Werbung, Unterrichtsveranstaltungen von Schulen im Sinne des Privatschulgesetzes und Pflege des Volksbrauchstums auf nicht österreichischer oder internationaler Ebene. So finden wir hier erste Verweise, was Erwachsene laut Gesetz nicht förderungswürdig bildet.
Lernen wir etwas über die Bier Braukunst in einer Bibliothek, so betrieben wir Erwachsenenbildung. Besuchen wir einen Kurs zum Bierbrauen einer privaten Schule, so lernen wir nicht für unser Leben. Geht ein Oberösterreicher gemeinsam mit einem spanischen Studenten auf ein Volksfest in Niederösterreich, so wird Erwachsenenbildung betrieben. Obwohl es hierbei fraglich ist, ob der Konsum nicht eher schadet als bildet.
Was mit den humoristischen Beispielen gezeigt werden soll, das Gesetz alleine kann keinen umfangreichen Eindruck geben, welche Tätigkeiten lebenslanges Lernen im Erwachsenenalter einschließen. Vielmehr werden hier Rahmenbedingungen geschaffen, staatliche Förderungen auszugeben und zu begründen. Betrachten wir Erwachsenenbildung als ein Prozess und nicht als ein staatliches Fördermittel, so müssen wir andere Faktoren mit einbeziehen.
Europäische Visionen
Die Kommission der Europäischen Gemeinschaft beschreibt in ihrem Memorandum über lebenslanges Lernen zwei Ziele. Die Förderung der aktiven Staatsbürgerschaft und die Förderung der Beschäftigungsfähigkeit. Für einen erfolgreichen Übergang zu einer wissensbasierten Wirtschaft und Gesellschaft ist die Orientierung zum lebenslangen Lernen unabdingbar. Hierzu soll sich das Angebot in sämtlichen Lernkontexten darbieten und an der Nachfrage orientieren. Verantwortlich dafür ist das aktive, bürgernahe Arbeiten der einzelnen Mitgliedsstaaten. Um Qualifikationen erwerben zu können und zu aktualisieren, Investitionen in Humanressourcen zu erhöhen, Lehr- und Lernmethoden auf die gesamte Lebensspanne effektiv umzumünzen, verbesserte Methoden zur Bewertung von Lernbeteiligung und Lernerfolg zu gewährleisten, Informations- und Beratungsangebote zu schaffen und dies alles in unmittelbarer Nähe zum Wohnort.
Ganz schön viele und komplexe Aufgaben, die laut EU zu bildungspolitischer Chancengleichheit führen. Es werden höhere Bildungsabschlüsse erreicht und alle Menschen gestalten aktiv das öffentliche, soziale und politische Leben mit. Somit ist Erwachsenenbildung im Grunde genommen die Teilnahme an der Gesellschaft, um einerseits Ressourcen zu nutzen, aber auch neue zur Verfügung stellt. Eine gefasste Utopie, die in Umsetzung unmöglich erscheint.
Die Bestrebungen sind gut. Die Rahmenbedingungen werden geschaffen, um Menschen Weiterbildung in allen Lebensbereichen möglich und zugänglich zu machen. Das ganze geht aber leider, so wie bei vielen idealen Konzepten, an der Realität vorbei. Die Umsetzung ist schlichtweg aufgrund der immensen Erwartungen logistisch und finanziell kaum zu stemmen. Ein Memorandum mag auf internationaler politischer Ebene eine gute Sache sein, tatsächlich befähigen wird man hier niemanden. Andererseits zeigt es uns, wie wichtig das Thema für eine europäische Gesellschaft, aber auch für jeden einzelnen ist.
Leitlinien in Österreich
Das hat auch Österreich erkannt und in ihrer Strategie zum lebenslangen Lernen wichtige Aufgaben benannt. Das kostenlose Nachholen von grundlegenden Abschlüssen und die Sicherstellung der Grundkompetenz im Erwachsenenalter. Die Maßnahmen zur besseren Neuorientierung in Bildung und Beruf. Die Berücksichtigung der Work Life Balance. Die Verstärkung der Community Education mittels Einrichtungen innerhalb einer orientierten Zivilgesellschaft. Die Förderung lernfreundlicher Arbeitsumgebungen. Die Weiterbildung zur Sicherung der Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit. Die Bereicherung der Lebensqualität durch Bildung in der nach beruflichen Lebensphase. Das Verfahren zur Anerkennung non formal und informell erworbener Kenntnisse und Kompetenzen in allen Bildungssektoren.
Weiter werden unterschiedliche Leitlinien zur Umsetzung gesetzt, wie z. B. das Lernen in den Mittelpunkt zu stellen, die Teilnahme aktiv zu fördern oder Bildungsprozesse altersunabhängig zu ermöglichen. Das soll unter anderem zu Chancengerechtigkeit, soziale Mobilität, aber auch Innovation und Nachhaltigkeit führen. Hierzu werden acht Schlüsselkompetenzen herausgearbeitet. Unter anderem muttersprachliche Kompetenten, fremdsprachliche Kompetenzen, aber auch unternehmerische und kulturelle Kompetenzen.
Interessanterweise unterscheiden sich die Visionen von den gesetzlichen Grundlagen. Finanziell gefördert werden nur einige gesellschaftliche Institutionen. Wichtig für die Erwachsenenbildung sind auch explizit ausgeschlossene Programme. Wie private Musikschulen, aber auch innerberufliche Weiterbildungen, soziale Zusammenkünfte oder individuelle Bildung. Hier stehen vor Politik und Gesellschaft unterschiedliche Zukunftsaufgaben, die dafür sorgen müssen, diese Ungleichheit auszugleichen.
Erwachsenenbildung der Zukunft: Herausforderungen und Chancen
Einerseits muss man Effektivität und Qualität im Hinterkopf wahren, andererseits muss der Lernerfolg honoriert werden. Ein wichtiges Mittel hierzu sind einheitliche Zertifikate und Bezeichnungen.
Menschen unterschiedlichen Alters, bedarfen unterschiedlicher Lernmethoden. Die erfolgreiche Bewältigung dieser sollte möglichst individuell gestaltet werden können, um unterschiedliche Lebensbedingungen einzuschließen und somit den Zugang für alle Bürger und Bürgerinnen zu gewährleisten. Ein wichtiger Schritt ist die Entwicklung neuer Technologien wie E-Learning, aber auch moderner Beratungskonzepte. Durch E-Learning kann eine flächendeckende Verfügbarkeit gewährleistet werden, aber auch Personen mit eingeschlossen werden, die aufgrund sozio- ökonomischer Faktoren an einem traditionellen Bildungsangebot nicht teilnehmen können. Als E-Learning ist jeder Teilbereich, angefangen von Webinars bis hin zu digitalen Bibliotheken anzusehen. Weiter ist es aber ebenso notwendig, traditionelle Konzepte wie z. B. Beratungen oder Lehrgänge Vorort aufrechtzuerhalten. Während modernste Konzepte mittels eines z. B. Chatbots getestet werden, bürgt das die Gefahr, ältere Personen auf der Strecke zu lassen. Der Schlüssel hier ist ein ausgewogenes Angebot. Neben den Zugang zu Bildung zu verbessern, ist es ebenso wichtig, soziale Teilhabe zu fördern. Lebenslanges Lernen erfreut sich nicht nur an einer stupiden Weiterentwicklung. Insofern ist es eine wichtige Aufgabe, jede Person über die gesamte Lebensspanne hinweg gleichwertig in ein soziales Bildungssystem einzubinden. So sollen Teilnehmer einerseits als Lernende, aber auch als Wissensvermittler eingesetzt werden können. Ältere Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen könnten mit Jungen ihre Fertigkeiten teilen. Das sorgt einerseits für Wissenstransfer, andererseits für Brücken zwischen den Generationen.
Persönlicher Nutzen und erfolgreiches Altern
Doch welche Vorteile zieht die Privatperson aus Maßnahmen der Erwachsenenbildung? Aus einer entwicklungspsychologischen Sichtweise ist lebenslanges Lernen eng verbunden mit der Bildung von Ressourcen und mit erfolgreichem Altern. Zu Ressourcen zählen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie soziale Netzwerke. Diese bilden wir über die gesamte Lebensspanne hinweg. Ein gut ausgeprägtes Repertoire an Ressourcen ermöglicht es uns, Krisen zu meistern und schützt vor psychischen Störungen. Weiter ein aktives, gesundes und selbstwirksames Leben zu führen. So treten unterschiedliche Aufgaben auf. Als Beispiel z. B. das Gebähren und Aufziehen von Kindern. Aufklärung zu Erziehungsaufgaben, Streitmanagement innerhalb der Partnerschaft oder gesunder Ernährung kann nicht nur für die eigene Beziehung förderlich sein, sondern auch über Generationen hinweg nachhaltig einen Unterschied machen.
Im späten Lebensalter treten wichtige strukturelle Aufgaben wie Kinder und Job in den Hintergrund. Alte Menschen verfallen häufig in eine Altersdepression und bauen kognitiv rapide ab. Erwachsenenbildung kann hier nicht nur helfen, neue soziale Kontakte, Interessen und Hobbys aufzubauen, sondern auch aktiv gegen die Alterung des Gehirns und Körpers entgegenwirken. So wissen wir, dass z. B. das Erlernen unterschiedlicher Sprachen Altersdemenz vorbeugt. Eine aktive Lebensweise zu physiologischer Gesundheit führt und regelmäßiges kognitives Training den Alterungsprozess des Gehirns verlangsamen kann.
Erwachsenenbildung als ganzheitliches Konzept
Erwachsenenbildung ist eine breit gefächerte Tätigkeit. Neben sozialen und gesundheitspolitischen Aufgaben ist sie aber ebenso förderlich für jeden Einzelnen in allen Lebensphasen. Trotz einer schwammigen rechtlichen als auch ideellen Definition können wir sehr wohl festlegen, welches Verhalten förderlich für ein aktives, ausgewogenes Leben ist. Aus einer pragmatischen Sichtweise könnte man jede Tätigkeit, die neben beruflichen und sozialen Verpflichtungen unser Horizont erweitert, als Erwachsenenbildung ansehen. Eine staatliche Förderung ist dabei für die Qualität, Aufklärung und ein ausreichendes Angebot von hoher Bedeutung. Wichtig sind unterschiedliche Eckpunkte wie z. B. eine Qualitätssicherung, Zertifikate oder der Zugang unabhängig von sozio- ökonomischen Faktoren. Es ist anzumerken, dass insbesondere in Zeiten der digitalen Medien eine institutionelle Unterstützung nicht zwingend notwendig wird. Auch eine eigene Umsetzung führt zu positiven Auswirkungen auf Geist, Seele und Körper. Moderne Visionen in Österreich kombinieren diese Ideen und benennen wichtige Zukunftsaufgaben für ein ganzheitliches Konzept.
