Gegenspieler: Wohlstand und Klimakrise

Dieser Sommer scheint besonders abstrus. Nicht nur aufgrund der Gräueltaten in der Ukraine und der anstehenden Corona-Welle im Herbst, sondern auch den immer deutlicher werdenden Klimafolgen. In Italien wird Trinkwasser rationiert, in Indien sterben reihenweise Menschen aufgrund unerträglicher Hitze. Eines gegen das Andere aufzuwiegen wäre nicht richtig und dennoch werden wichtige Themen wie der Klimawandel vom politischen Tagesgeschäft verdrängt. Die so innovationsfreudige Ampelregierung ist in eine Krisenspirale geraten, die die Umsetzung der eigenen Ziele blockiert, gar um hundertachtzig Grad wendet. Vor dem Hintergrund einer eigentlich intensiven Debatte scheint dies besonders bedrückend. Denn das Gegenspiel von Klimawandel und Wohlstand bedarf besonderer Aufmerksamkeit.

Der Wohlstand

Inflation, eine mögliche Stagnation, im schlimmsten Falle eine Rezension zeigen nicht nur die verspäteten Auswirkungen der Coronakrise, folglich einem aufgeblasenem Finanzsystem 20 / 21, sondern auch die proximalen Auswirkungen von Krieg, Unsicherheit und Klimakrise. Die Börsen verzeichnen seit Jahresanfang einen stetigen Rückgang, Immobilienpreise stagnieren, wenn nicht sogar ein Wertverlust des goldenen Betons zukünftig eintritt. Und auch dezentrale Währungen wie der Bitcoin scheinen von einer Talfahrt betroffen. Während dystopische Experten von einem Crash des Finanzmarktes in nie dar gewesenen Ausmaßen warnen, sprechen Optimisten von einem mehrjährigen Knick im Wirtschaftswachstum. 

Die Klimakrise

Die Klimakrise begleitet uns schon seit Jahrzehnten und trotzdem sind bis jetzt nur minimale Maßnahmen auf den Weg gebracht worden. In ein Beispiel gegossen die Ära Merkel. Einst als Klimakanzlerin angetreten, verschlief sie, in gerundet zwei Jahrzehnten Macht, den Klimawandel. Im Gegensatz zu den Gesetzen werden sichtbare Konsequenzen immer größer. Naturkatastrophen, starke Wetterschwankungen. Manch einer meint zu behaupten, dass es nun mal heiß sei im Sommer und es sich um normale Klimaveränderungen handele. Betrachtet man allerdings die Modulationen von Forschern, die in der Regel klimatische Veränderung mit und ohne menschengemachte Treibhausgase simulieren, so kann man einen definitiven Anstieg in Quantität, aber auch Intensität von Wetteranomalien verzeichnen. Ob einzelnen Katastrophen wie die Überschwemmungen im Ahrtal kausal mit dem Klimawandel zusammenhängen, ist nur schwer abzuschätzen. Was aber definitiv darzustellen ist, sind die immensen Folgekosten eines nicht aufgehaltenem Klimawandels in naher Zukunft. Obwohl alle Alarmglocken schon seit Jahren läuten, sind Reaktionen nur zaghaft. Klimaziele, einst die 1,5 Grad, gelten längst als unrealistisch. Wir hoffen indessen auf Schadensbegrenzung, anstatt Schadensbekämpfung.

Der Schatten

Die Gegenwartspolitik der Ukraine-Krise hat nicht nur die Risse in unserer politischen Vorstellung von West und Ost vergrößert, sondern auch wirtschaftliche Abhängigkeiten von Grundbedarfsgütern aufgezeigt. So steigt seit Anbeginn der Krise der Preis für Energie stetig. Fossile Brennstoffe in Form von Gas, die einer der wichtigen Kernpunkte des Kohleausstieges in Deutschland waren, sind plötzlich nicht mehr greifbar. Während man versucht, gleichzeitig ideal verträgliche Alternativen und gesellschaftsberuhigende Maßnahmen zu treffen, verschwimmt die Grenze zwischen aktuell Nötigem und Möglichem immer mehr. Warum? Den Fakten entsprechend sollten wir so handeln, dass wir ökologisch einen möglichst kleinen weiteren Schaden zukünftigen Generationen vererben. Also innerhalb unserer ökologisch gesteckten Möglichkeiten das Nötigste verbrauchen. Dabei geht es nicht um kalte Winter, sondern die Existenzgrundlage Erde. Realpolitisch handeln wir aktuell nach unserem Möglichem. Wir versuchen alle Strippen zu ziehen, um Energiepreise niedrig zu halten, erfahren eine Wiedergeburt der Kohle in asiatischen Gebieten, aber auch hierzulande. Der Ausbau erneuerbarer Energien wird für die Infrastruktur neuer Gaslieferungen gestoppt. Tatsächlich haben wir einen U-Turn in der Energiepolitik gemacht. 

Die Zukunft

Fakt ist, dass der erwirtschaftete Wohlstand der Bundesrepublik zum Großteil auf der Ausbeutung unserer Lebensgrundlage basiert, der Mutter Erde. Es wird in den nächsten Jahrzehnten nicht möglich sein, Wohlstand in Form von Wirtschaftswachstum in diesem Ausmaß aufrechtzuerhalten. Schlichtweg, die Sicherung unserer Zukunft ist nicht weiter vereinbar mit dem stetigen Wachstum unserer Wirtschaft. Ansätze wie ökologisches Wachstum, kurzzeitig ein marktwirtschaftlicher Stern am Hoffnungshimmel, verpufft, selbst wenn man sich befürwortende Studien anschaut.

Stellt man sich einmal rein hypothetisch vor, wie unsere Zukunft ausgesehen hätte, wenn wir 2019 einfach so weiter gemacht hätten. So wäre der Dax 2030 wohl bei 22.000, Bitcoin bei 120.000 und kein Normalbürger könnte sich mehr eine Wohnung in der Stadt leisten. Wäre eine Energietransformation leichter gewesen? Unter Umständen. Bietet die Rezension eine einmalige Chance, Probleme aus einer neuen Perspektive anzugehen? Ja, aber bitte mit bedacht.

Das Schlüsselschloss

Die Kommunikation von distalen Konsequenzen der Klimakrise ist nicht immer leicht. Und so stellt sich häufig ein dystopisches Bild der Zukunft dar. Wohlstand ist böse, Wirtschaftswachstum nicht mehr möglich, Deutschland wird verarmen und wir müssen unsere Lebensqualität einbüßen. Tatsächlich ist es so, dass unser aktives Nichtstun zu den Schreckensszenarien in der Zukunft führt. Obwohl wir uns dieser Fakten bewusst sind, beschönigen und verdrängen wir sie.

Hier kommen wir zu zwei Mechanismen, die wohl eine ausschlaggebende Rolle bei dieser verzerrten Wahrnehmung spielen. Zum einen tendiert der Mensch dazu, in weiter Ferne liegende Konsequenz eher in Kauf zu nehmen. Weiter neigt der Mensch dazu, ein Maximizing, anstatt Satisfying zu betreiben. Sprich unser Glück ist abhängig von dem Erlangen eines nächst höher gelegenem Ziel, anstatt Glück aus der Befriedigung der Bedürfnisse zu ziehen. Ein wohl massentaugliches Beispiel sind Luxusmarken, die eine elitäre Oberschicht suggerieren, aber ihr Hauptgeschäft in der Mittelschicht, den Aufstiegswilligen verzeichnen. Dieses angelernte Konsumverhalten in der Marktwirtschaft führt dazu, Wirtschaftswachstum mit Wohlstand gleichzusetzen. 

Gehen wir davon aus, dass beispielsweise jeder Euro an Wohlstand, der weiter erwirtschaftet wird, in der Zukunft zwei Euro Kosten verursacht, ist es doch wohl eher so, dass unser heutiges Wachstum der Einbruch des Wohlstandes in der Zukunft bedeutet. 

Aktuellen Wohlstand gänzlich aufzugeben ist ebenso keine Lösung, so wie oft von radikalen Ökologen gedacht. Sinnbildlich eine Art Minimizing, eine Rückabwicklung der Globalisierung, eine Besinnung auf Grundlegendes. Denn wir Menschen sind Tiere, die sozial sind, die auf einer Gemeinschaft basieren, welche Wertesysteme größtenteils miteinander teilen. Eine starke Verschiebung von grundlegendem Gewohntem, könnte rapide zu einem Zusammenbruch der Ordnung führen. Folgen wären Aufstände, im schlimmsten Falle Bürgerkriege. Zudem sind wir Menschen aber auch fähig, uns schnell an veränderte Umgebungsbedingungen anzupassen. So können wir sehr gut und auch flächendeckend auf Luxusgüter verzichten, ohne in einer ganzheitlichen Depressivität zu verfallen. Aber wo ist hier die Grenze zwischen überflüssigem und notwendigem?

Jeder Verzicht setzt zu nächst voraus, dass man etwas hat, auf das man verzichten kann. Muss man um seine grundlegenden Bedürfnisse kämpfen, so rückt die Akzeptanz distaler Konsequenzen noch weiter in den Hintergrund. Selbstverständlich könnte man argumentieren, dass Treibhausgase vor allem von reichen Menschen ausgestoßen werden. Stellen wir uns vor, wir hätten eine neue Gesellschaft, die ad hoc 2025 auf alle Luxusgüter verzichtet, wieder Tauschhandel betreibt und in dem eigentlich persönlich möglichem jedes Individuums lebt. Es ist unwahrscheinlich, dass wir plötzlich neue Wesen sind. Dass wir nicht nach mehr streben, unser Wissen, was wir ja immer noch besitzen, anwenden, um die gleichen Fehler zu begehen. Warum sollten wir in einer Notlage so altruistisch sein und auf etwas verzichten, was wir doch relativ leicht erreichen können! Ohne große Anstrengung, mit geringen Mitteln und für uns klein erscheinenden Kosten. Denn wir sind immer noch soziale Tiere und das bedeutet auch Egoismus und Sicherung des eigenen Überlebens wider aller Kosten. Eine Armutsgesellschaft kann sehr viel schwerer CO₂-neutral leben, denn ihr Handeln ist geprägt vom Überleben. Egoismus wiegt sodann höher als Altruismus. 

Wahrscheinlich ist es tatsächlich so, dass wir Wohlstand benötigen, um den Klimawandel lösen zu können. Denn wir können uns keine Kriege, keine Aufstände, keine Armut leisten. Zudem ist Transformation eben auch kurzfristig mit immensen Kosten verbunden.

Schlussstrich

Wachstum schädigt also unserem Wohlstand in der Zukunft. Armut unserer Handlungsfähigkeit, Klimaneutral zu werden. Unser Wohlstand wird abnehmen, aber gleichzeitig nötig sein, um Probleme richtig zu lösen. 

Die Lösung könnte die Veränderung des Standards sein. Probieren wir es anstatt mit Maximizing doch einfach einmal mit Satisfying. Das heißt, wir legen fest, was wir benötigen, um glücklich zu sein und erfüllen uns dann dieses. Möglichst langfristig und nachhaltig. Ein Fitnessstudio braucht nicht alle fünf Jahre die neusten Geräte, nur weil diese besser sind. Mit guter Wartung können wir durchaus 10 bis 20 Jahre mit den Selbigen trainieren und dennoch unser Bedürfnis nach Sport lindern.


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