Home-Office Hell

Die Notwendigkeit der Arbeit für das menschliche Wohlbefinden ist Gegenstand zahlreicher Studien aus der Arbeits- und Organisationspsychologie. In der Beschreibung der Funktionen der Arbeit haben sich über die Zeit hinweg zwei grundlegende Konzepte etabliert. Arbeit als Gegenstand der manifesten Funktion, also den größtmöglichen Wohlstand für jeden Mitarbeiter durch die Bereitstellung finanzieller Mittel zu gewährleisten. Arbeit als eine Kombination aus der manifesten und zusätzlichen latenten Funktionen nach Jahoda (1982). Doch inwieweit nehmen unterschiedliche Formen und Arten der Arbeit Einfluss auf die Erfüllung dieser latenten Faktoren? Und welche Auswirkungen haben strukturelle Veränderungen in der Arbeitsweise, wie der dauerhafte oder gestiegene Anteil an Home-Office-Arbeit?

Die Latenten Funktionen der Arbeit in verschiedenen Kontexten

Marie Jahoda beforschte Arbeitslose und stellte 1982 die Theorie der latenten Deprivation auf. Das Model beschreibt, dass die Beschäftigung an sich den Zugang zu einer Vielzahl psychologischer Erfahrungen gewährleistet. So postuliert sie, dass das Nachgehen einer Arbeit Zeitstruktur, einen persönlichen Status, soziale Kontakte, einen kollektiven Zweck und eine erzwungene Tätigkeit bietet. Diese Funktionen sind persönlichkeitsfördernd und erklären den Bedarf des Menschen an Arbeit umfangreicher als die alleinige Befriedigung der manifesten Funktion. Aufgrund der Herleitung der Theorie, auf Basis unbeschäftigter Personen, wurden vor allem Zusammenhänge zwischen dem Ausbleiben latenter Funktionen und menschlichem Wohlbefinden untersucht. So konnte ein negativer Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit unter anderem von zwei Metaanalysen nachgewiesen werden.
Eine 2022 veröffentlichte, groß angelegte Studie, mit über neuntausend Teilnehmern aus Deutschland, konnte die Zusammenhänge validieren und erweitern. So schnitten Arbeitslose in Bezug auf die latenten Funktionen der Arbeit im Allgemeinen schlechter ab. Diese Effekte zeigten sich über nahezu alle Dimensionen und verschlechterten sich mit zeitlich ansteigender Nichtbeschäftigung. Ebenso ein großer Anteil der negativen Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden konnte erklärt werden. Auch ein Zusammenhang zwischen Nichterwerbspersonen und verschlechterter mentaler Gesundheit konnte in der Forschung nachgewiesen werden. Paul und Batinic (2010) fanden zudem heraus, dass einerseits Erwerbstätige mehr Zugang zu den latenten Funktionen der Arbeit verzeichneten, als Unbeschäftigte. Andererseits dies nicht nur für Arbeitslose, sondern ebenso unbeschäftigte Personen wie Rentner, Studenten oder Hausfrauen gilt.

Später weiteten Batinic und Kollegen (2010) das Modell auch auf die Qualität der Arbeit aus. So konnte gezeigt werden, dass ein gesundheitlicher Unterschied zwischen Personen auf verschiedenen Ebenen innerhalb einer Organisation, aber auch zwischen Berufen in unterschiedlichen Statusniveaus existieren. Das gibt erste Hinweise darauf, dass nicht nur ein negativistisches Konzept der latenten Funktionen der Arbeit, sondern auch ein positivistisches existiert. Sprich zwischen verschiedener Arbeit herrscht abweichende Qualität, die erläuterten Merkmale zu erfüllen.

In Zusammenhang mit unterschiedlichen Arten der Arbeit konnten weitere beachtliche Ergebnisse erzielt werden. So untersuchten Selenko und Kollegen, inwieweit Freiwilligenarbeit einen alternativen Zugang zu den latenten Funktionen bietet, insbesondere unter dem Einfluss von Jobunsicherheit. Anhand zwei längsschnittlich angelegter Studien in zwei unterschiedlichen Ländern, konnte grundsätzlich nachgewiesen werden, dass auch Freiwilligenarbeit den Zugang verbessert.

Eine weitere Studie konnte ebene diesen Effekt auch bei Arbeitslosen bestätigen. Bähr und Kollegen untersuchten später die Auswirkung atypischer Arbeitsregelungen. Sie konnten zeigen, dass die Art der Arbeitsregelung auf die Befriedigung latenter Funktionen nur wenig Auswirkung hat. Weiter eine höhere Entlohnung bei gleichbleibender Arbeitszeit nur einen kleinen Effekt hat. Eine erhöhte Arbeitszeit in Bezug auf die latente Funktion der Zeitstruktur kontraproduktiv ist.

Zusammenfassend untersuchte die Forschung unterschiedliche Zusammenhänge in Bezug auf Arbeitslosigkeit, Erwerbslosigkeit und Arten der Arbeit. Meist in Hinblick auf Wohlbefinden, psychische Gesundheit und dem Zugang zu den latenten Variablen der Arbeit. Neuere Forschung konnte eine unterschiedliche Qualität der Arbeit in der Erfüllung dieser Variablen nachweisen.

Veränderungen in der Arbeitswelt – Telearbeit

Die Corona-Pandemie zog einen tiefgreifenden Einschnitt in die Arbeitsweise der westlichen Gesellschaft nach sich. Während vor 2019 Telearbeit unüblich war, zwang die Pandemie Unternehmen dazu, ihre Mitarbeiter ins Home-Office zu schicken. Mittlerweile ist es in vielen deutschen Konzernen Alltag, mittels Betriebsvereinbarung eine Home- Office-Möglichkeit bereitzustellen. Diese Ambitionen werden im Zuge der New Work Bewegung als eine Arbeitsalltags verbessernde Neuerung gefeiert. Schon früh wurde in der Forschung vermutet, dass die Telearbeit eine Auswirkung auf die Arbeitsweise der Beschäftigten nimmt. Eine IBM Studie verglich 2003 die drei Arbeitsorte Büro, virtuelles Büro und Homeoffice hinsichtlich Aspekte der Arbeit und der Work-Life-Balance. Ergebnisse deuteten darauf hin, dass der Einfluss von virtuellen Büros auf Aspekte der Arbeit positiv, auf das Privatleben negativ ist. Weiter, dass das Homeoffice überwiegend positive Einflüsse auf die Work-Life-Balance nimmt, während traditionelle Büros vor allem negativen Einfluss haben. Neuere Studien werfen ein differenzierteres Bild auf Arbeiten im Home-Office, so konnte herausgefunden werden, dass sich unter anderem die Abgrenzung zwischen Privatleben und Arbeit sowie die Ergonomie am Arbeitsplatz verschlechtert.

Aktuell ist noch zu wenig Forschung zu der Auswirkung von Telearbeit auf die latenten Funktionen von Arbeit verfügbar, um definitive Aussagen zu treffen. Jedoch werfen Forschungsergebnisse aus anderen Teilbereichen ein eher negatives Bild auf einen möglichen Zusammenhang. Wie zum Beispiel das gut erforschte Phänomen der Zoom-Fatigue oder Probleme in Bezug auf die Gesundheit am Arbeitsplatz bzw. einem erhöhten Stresslevel durch die Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben. Effekte lassen sich in Bezug auf alle Variablen vermuten. Die Veränderung der Arbeitssituation könnte Einfluss auf die Zeitstruktur nehmen, da Aufgaben sehr viel flexibler erledigt werden können, weiter sich privates mit beruflichem vermischt. Auch der soziale Kontakt zwischen den Kollegen ist durch eine Home-Office-Tätigkeit nur eingeschränkt möglich, da dieser ausschließlich virtuell erfolgt. Fehlender sozialer Kontakt und die Abwesenheit im Office könnte zu Identifikationsproblemen mit dem Job und dem Unternehmen führen. Somit eine Abnahme des kollektiven Zweckes, sowie dem sozialen Status bedingen. Weiter gilt es zu bedenken, inwieweit die Funktion einer erzwungenen Tätigkeit weiter erfüllt werden kann, da Kontrollmöglichkeiten bei der Telearbeit minimiert sind.


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