Die Psychologie als sich wandelndes Stereotyp
In diesem Block habe ich bereits früher versucht, die vorherrschenden Stereotypen über Psychologie in den Medien anzusprechen. Dies ist besonders relevant, da die Medien maßgeblich zur gesellschaftlichen Meinungsbildung beitragen. Dieses Phänomen lässt sich seit Beginn der Medienlandschaft beobachten und ist empirisch belegbar. Denken Sie nur an die letzten Wahlen in den USA und den Einfluss der dort ansässigen Meinungshäuser. Mit der zunehmenden Medialisierung und Digitalisierung unseres Alltags hat dieses Problem stark zugenommen. Früher wurden durch die Medien Meinungen von prominenten Persönlichkeiten, staatlichen Institutionen und politisch bedeutsamen Ereignissen kommentiert und geformt. Heutzutage dringt die mediale Beeinflussung bereits tief in unsere Privatsphäre vor. Ein gutes Beispiel hierfür ist Instagram, das bei jungen Menschen nicht nur eine verzerrte Vorstellung vom idealen Körper vermittelt, sondern auch das Selbstbild erschüttert.
Wie bereits angesprochen, ist die Psychologie in den seit jeher durch eine starke Stereotypisierung geprägt. Dies findet nicht nur in gängigen Thrillern wie Hannibal Lecter statt, sondern auch in modernen Computerspielen oder der (neutralen) Berichterstattung. Dass dies in vielerlei Hinsicht problematisch ist, liegt auf der Hand. Zum einen verzerrt es das Bild von der allgemein gesundheitsförderlichen Aufgabe der psychologischen Psychotherapie. Zum anderen untergräbt es die Wichtigkeit und Relevanz der psychologischen Hygiene und des psychologischen Bewusstseins. Stattdessen neigen die Medien dazu, ein oft magisches Bild von Sehern, Kranken und Fühlern zu zeichnen. Diese Stereotypen schaffen zusätzlich hohe Hürden für Menschen, die Hilfe für ihre psychischen Probleme dringend benötigen. Das geschieht zum einen aufgrund der gesellschaftlichen Stigmatisierung. So existiert ein begrenztes Angebot an Unterstützungsdiensten, und die Entscheidung, Hilfe zu suchen, erfordert oft Mut und Selbstvertrauen. Eine einhergehende Zuschreibung zu einem bestimmten Stereotyp eines psychisch Kranken oder einer klassischen Therapie ist dafür ausschlaggebend.
In der Vergangenheit konnte ich zeigen, dass auch in den sozialen Medien ein stereotypisiertes Bild der Psychologie vorherrscht. Dies betrifft insbesondere Themen wie „mental health“, „awareness“, „Gesundheit“ und „Coaches“. Interessanterweise ist diese Beobachtung im Kontext der Psychologie tendenziell positiv ausgefallen. In den letzten Jahren scheint sich in den sozialen Medien eine recht gute Einstellung zur Psychologie und Psychotherapie entwickelt zu haben. Dies geht Hand in Hand mit wichtigen Themen wie psychischer Gesundheit, Prävention und psychotherapeutischer Behandlung. Besonders in den letzten zwei Jahren hat sich diese Haltung von den jungen Medien zu einer allgemein akzeptierten Betrachtungsweise gewandelt. Heutzutage sprechen alle darüber, wie dringend notwendig eine psychologische Fürsorge, ein höheres Bewusstsein für mentale Gesundheit und eine ausgewogene Work-Life-Balance sind. Sei es in etablierten Medien oder unter Politikern.
Diese übermäßige Aufmerksamkeit für ein so wichtiges und gleichzeitig komplexes Thema hat jedoch auch dazu geführt, dass Stereotypen wie auf einer Wippe zwischen den Extremen schwanken. Vor einigen Jahrzehnten hatten wir mit einer negativen Grundhaltung zu kämpfen, aber heute sehen wir eine übermäßig positive Verwendung von Begriffen in diesem Zusammenhang. Jeder „Life Coach“ nennt sich neuerdings „Psychologe“ jeder ist plötzlich „aware“ über seine „mental hygiene“ und die „Work-Life-Balance“ ist in Unternehmen vorbildlich. Antidepressiva werden als ungeeignet angesehen, Experten und die Gesellschaft rufen nach neuen Wegen zur Behandlung von Depressionen. Diese beispiellose Aufmerksamkeit führt dazu, dass viele Begriffe ausgebrannt sind und ein wesentlicher Aspekt vernachlässigt wird: die tiefgreifende Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Problemen, die wir in Verbindung mit der Psychologie in den letzten Jahrzehnten verschleppt haben, bleibt aus. Während in der öffentlichen Wahrnehmung durch die Flut positiver Informationen Stereotypen in eine positive Richtung verschoben werden, bleibt die Realität für Einzelpersonen unverändert. Unsere Therapieansätze sind die gleichen, die Ressourcen bleiben begrenzt, und ein Unternehmen ist nicht automatisch ein Ort der „mental Awareness“, nur weil es einen Obstteller bereitstellt. Selbst der Weg zu Online-Coaches oder Yoga-Sitzungen trägt nicht zwangsläufig zur Verbesserung unserer psychischen Gesundheit bei, sondern zu einer immer weiteren Maximierung unserer eigenen Person in der modernen Leistungsgesellschaft.
Die raschen Veränderungen in den Meinungsbildern führen dazu, dass Teile der Gesellschaft in eine entgegengesetzte Richtung driften. Dies bedeutet, dass Menschen, die nicht Schritt halten können oder die den Nutzen und den Sinn der vermeintlichen polarisierenden Veränderungen nicht verstehen, sich abwenden. Insbesondere dann, wenn sich ihre Meinung von der aktuellen Voguen Haltung stark unterscheiden. So entsteht eine stark polarisierte Diskussion, die den eigentlichen Kern des Problems nicht zur Aussprache bringt.
Auswirkungen dieser starken Polarisierung können wir an den unterschiedlichen Meinungspunkten sehen. Dies führt schlussendlich dazu, dass Themen wie die „Work-Life-Balance“ von der Generation Y als utopische Wünsche betrachtet werden. Psychische Krankheit als ein Problem der jungen Generation gesehen wird. Erschwerend kommt Folgendes dazu. Eine durchweg positive Betrachtung der Psychologie ist ebenfalls zu oberflächlich, denn all diese Themen sind nicht immer schön, fröhlich und einfach. Viele Erfahrungen sind schmerzhaft und erfordern Unmengen an Zeit und Energie. Auch das sollte sich in unserer allgemeinen Wahrnehmung widerspiegeln. Psychologisches Bewusstsein bedeutet nicht zwangsläufig ständige Heiterkeit, einen aufgedrehten „Coach“, der fröhlich durch Pfützen springt und uns auf Instagram erzählt, wie großartig das Leben ist. Denn hier stoßen wir wieder auf das Kernproblem: Wir nehmen gesellschaftlich das eigentliche Problem nicht ernst.
Es ist an der Zeit, die neuen Stereotypen zu hinterfragen und zu erkennen, dass Psychologie und Psychotherapie nicht nur die Anliegen der jüngeren Generation Y sind. Es ist kein ständig gut gelauntes und funktionierendes Schweizer Taschenmesser. Das Thema betrifft uns alle und umfasst Höhen und Tiefen. Wir sollten dringend anfangen, das Ruder in Richtung einer ernsthaften Auseinandersetzung und Diskussion in unserer Gesellschaft zu lenken.
