Über eine Million Schülerinnen und Schüler in Baden-Württemberg sollen ab dem Schuljahr 2027/28 ihr Handy von der ersten bis zur letzten Schulstunde weglegen. Kein anderes Bundesland plant ein so strenges Verbot, das auch die Pausen umfasst. Die Augsburger Forscher empfehlen ein striktes Verbot aber nur für die unteren Klassen.
Du kennst das: Du sitzt im Café, vor dir eine Person, die aufs Handy starrt. Nicht kurz. Minutenlang. Du willst etwas sagen, aber du tust es nicht. Jetzt stell dir vor, du bist vierzehn und sitzt im Klassenzimmer. Das Handy vibriert. Eine Notification. Du schaust hin. Der Unterricht läuft weiter, aber du bist raus.
Genau hier setzt die Politik in Baden-Württemberg an. Das CDU-geführte Kultusministerium plant, die Handynutzung an Schulen in allen Klassen und an allen Schularten zu verbieten. Die neue Regel soll alle Schülerinnen und Schüler von der ersten bis zur letzten Schulstunde betreffen, auch in den Pausen. Ausnahmen soll es unter anderem in Mittagspausen, bei Notfällen und aus gesundheitlichen Gründen wie der Verwendung von Apps zur Blutzuckermessung geben; die pädagogische Nutzung der Geräte soll weiterhin möglich sein. Kein anderes Bundesland geht so weit. Baden-Württemberg plant das strengste Handy-Verbot an Schulen in ganz Deutschland. CDU-Kultusminister Andreas Jung (51) hat dazu Eckpunkte vorgelegt. „Wenn Schule ist, hat das Handy Pause“, heißt es von einem Sprecher des Ministeriums. Starten soll die neue Regelung ab dem Schuljahr 2027/28.
Das strengste Handyverbot Deutschlands: Was geplant ist
Die Botschaft ist klar: Schule soll ein Ort sein, an dem das Handy keine Rolle spielt. Nicht im Unterricht, nicht auf dem Flur, nicht auf dem Schulhof. Wer morgens das Schulgelände betritt, legt das Gerät weg. Wer mittags eine Pause hat, darf es nutzen. Wer einen Notfall hat, auch. Wer Diabetes hat und eine App zur Blutzuckermessung braucht, ebenfalls. Das Kultusministerium Baden-Württemberg hat am 19. August 2026 Pläne für ein umfassendes, landesweites Verbot der privaten Handynutzung an allen öffentlichen Schulen des Bundeslandes vorgestellt. Trotz der strengen Vorgaben sind spezifische Ausnahmen vorgesehen: Die private Nutzung soll in den Mittagspausen sowie in Notfällen gestattet bleiben, ebenso aus gesundheitlichen Gründen wie der Verwendung von Apps zur Blutzuckermessung.
Was sich ändert
Vom Flickenteppich zum gesetzlichen Verbot
Bisher ist die Lage in Deutschland ein Flickenteppich. Gesetzliches Verbot: Hessen, Bremen, Bayern (ab 2026 auch für Klasse 7), Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen verbieten die private Handynutzung per Gesetz. Pflicht zur Regelung: Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen verpflichten ihre Schulen, verbindliche Handyordnungen in der Schulkonferenz festzulegen. Baden-Württemberg will jetzt von der Pflicht zur Regelung zum gesetzlichen Verbot wechseln. Das ist ein Systemwechsel. Bisher entscheidet jede Schule selbst, wie sie mit Handys umgeht. Die einen haben strenge Regeln, die anderen lockere. Ab 2027/28 soll eine einheitliche Regel für alle gelten.
Die Dimension ist enorm. Im laufenden Schuljahr 2025/26 besuchen rund 1.046.700 Schülerinnen und Schüler eine der 3.530 öffentlichen allgemeinbildenden Schulen in Baden-Württemberg. Dies ist ein Anstieg von 0,8 % im Vergleich zum Vorjahr. Schon im vierten Schuljahr in Folge werden mehr als eine Million Schülerinnen und Schüler an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet. Über eine Million junge Menschen wären betroffen. Über eine Million Handys, die morgens in der Tasche bleiben oder im Spind verschwinden. Über eine Million Schülerinnen und Schüler, die in den Pausen nicht mehr aufs Display schauen. Sie sehen sich an.
Studien zeigen positive Effekte, aber mit Einschränkungen
Was die Studien sagen
Die Forschung liefert Argumente für beide Seiten. Die Augsburger Forscher verglichen in ihrer Studie fünf große Studien aus Norwegen, Spanien, Tschechien, England und Schweden. Dabei zeigt sich, dass ein Smartphone-Verbot messbar positive Effekte auf das soziale Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern hat. Zudem hat das Verbot einen Effekt auf die Lernleistungen. Ein striktes Verbot ist laut den Forschern nur in den unteren Klassen sinnvoll, mit zunehmendem Alter sollte die Nutzung eigenverantwortlich sein. Die Forscher sagen nicht: Verbietet Handys überall und für immer. Sie sagen: In den unteren Klassen hilft ein striktes Verbot, in den oberen Klassen braucht es Eigenverantwortung. Baden-Württemberg plant aber ein Verbot für alle Klassenstufen. Das ist strenger als das, was die Augsburger Forscher empfehlen.
Die Effekte auf die Lernleistung sind nicht zu unterschätzen. Eine 2016 veröffentlichte Studie aus England stellte fest, dass sich an weiterführenden Schulen, die ein Handyverbot einführten, die Testergebnisse deutlich verbesserten. Besonders stark war der Anstieg bei den leistungsschwächsten Schülerinnen und Schülern. Der Effekt bei diesen Jugendlichen entsprach etwa einer zusätzlichen Unterrichtsstunde pro Schulwoche. Eine zusätzliche Unterrichtsstunde pro Woche. Das klingt nach wenig, aber über ein Schuljahr summiert sich das. Für die leistungsschwächsten Schülerinnen und Schüler kann das den Unterschied machen zwischen Anschluss halten und abgehängt werden.
Das private Handy ist das Problem
Es kommt aber darauf an, welches Gerät genutzt wird. Wenn Jugendliche im Matheunterricht ihre privaten Smartphones nutzen, schneiden sie schlechter ab, zumindest dann, wenn sie zu problematischer Handynutzung neigen. Das zeigt eine Studie der Universität Münster mit rund 260 Acht- und Neuntklässlern. Bei Nutzung von schuleigenen Leihgeräten blieb dieser Effekt aus. Das private Handy ist das Problem, nicht das Gerät an sich. Ein schuleigenes Tablet, das nur für den Unterricht genutzt wird, lenkt weniger ab als das eigene Smartphone mit allen Apps, Chats und Spielen. Das spricht für die Ausnahme, die Baden-Württemberg plant: Die pädagogische Nutzung der Geräte soll weiterhin möglich sein.
OECD warnt, Niederlande berichten von besserer Konzentration
Die OECD hat die Ablenkung durch Handys global untersucht. Am Beispiel des Mathematikunterrichts ermittelte die OECD durch Befragungen von Schülern, dass im Schnitt 65 Prozent vom Handy im Unterricht abgelenkt werden. Mit 59 Prozent nahezu ähnlich hoch war der Anteil derer, die sich durch die private Handynutzung von Klassenkameradinnen und -kameraden abgelenkt fühlen. Nach der OECD-Studie können Schülerinnen und Schüler durch die Ablenkung einen Lernrückstand von einem Dreiviertelschuljahr erleiden. Die OECD spricht sich gegen ein striktes Handyverbot aus. Ein Dreiviertelschuljahr Lernrückstand. Das ist viel. Warum? Weil sie auf Eigenverantwortung und Medienkompetenz setzt statt auf Verbote.
Die Erfahrungen aus den Niederlanden zeigen, was passiert, wenn Schulen Handys verbannen. Im Auftrag der niederländischen Regierung hat das Kohnstamm Instituut Schulleiter:innen von insgesamt 630 Grund- und weiterführenden Schulen sowie zwölf Fokusgruppen mit Eltern, Schüler:innen und Lehrkräften nach den Effekten befragt. 75 Prozent der Leitungen von weiterführenden Schulen haben demnach festgestellt, dass sich die Konzentration verbessert habe, 59 Prozent beobachten ein besseres Klassenklima. Drei von vier Schulleitungen sehen eine bessere Konzentration. Wenn die Menschen, die täglich in den Schulen sind, solche Effekte beobachten, dann ist das ein Argument, das man nicht einfach wegwischen kann.
Jugendliche gespalten, Experten für Verbot nur bis Klasse 7
Was die Jugendlichen selbst sagen
Die Perspektive der Betroffenen ist gespalten. 56 Prozent halten einen solchen Schritt für falsch, während sich 37 Prozent dafür aussprechen. Gegen ein Verbot spricht den Befragten zufolge eine schnellere Kommunikation mit Familie und Freunden und die Nützlichkeit von Smartphones für Lernzwecke und Recherchen (55 Prozent). Die Mehrheit der Jugendlichen will kein Verbot. Sie wollen erreichbar sein, sie wollen recherchieren können, sie wollen ihr Handy als Werkzeug nutzen. Aber es zeigt auch: Die Debatte wird oft über die Köpfe der Betroffenen hinweg geführt.
Die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ der Bundesregierung spricht sich für ein Handyverbot an Grundschulen sowie bis einschließlich der siebten Jahrgangsstufe aus. Dort soll die private Nutzung digitaler Endgeräte im Unterricht und in außerunterrichtlichen Angeboten sowie den Pausen untersagt werden. Das ist ein Kompromiss: Verbot in den unteren Klassen, Eigenverantwortung in den oberen. Baden-Württemberg geht weiter. Das Verbot soll für alle Klassen gelten, von der ersten bis zur letzten Schulstunde.
Offene Fragen: Durchsetzung, Folgen und die Debatte
Was offen bleibt
Die Pläne aus Baden-Württemberg werfen Fragen auf. Wie sollen die Schulen das Verbot durchsetzen? Wer kontrolliert, ob ein Handy in der Tasche vibriert? Was passiert, wenn jemand erwischt wird? Und wie passt das Verbot zur pädagogischen Nutzung, die weiterhin möglich sein soll? Wo ist die Grenze zwischen privater und pädagogischer Nutzung?
Die Studienlage ist nicht eindeutig. Die einen sehen positive Effekte auf Konzentration und Lernleistung, die anderen warnen vor zu viel Verbot und zu wenig Eigenverantwortung. Die OECD spricht sich gegen ein striktes Verbot aus, die Augsburger Forscher empfehlen es nur für die unteren Klassen.
Was bedeutet das für die Schülerinnen und Schüler? Für die über eine Million jungen Menschen, die ab 2027/28 ihr Handy morgens weglegen müssen? Werden sie sich in den Pausen wieder mehr unterhalten? Werden sie sich langweilen? Werden sie kreativ? Oder werden sie Wege finden, das Verbot zu umgehen?
Für die, die ihre Kinder jederzeit erreichen wollen? Für die, die in Notfällen anrufen müssen? Die Ausnahmen für Notfälle sind vorgesehen, aber wie funktioniert das in der Praxis? Ruft man im Sekretariat an? Wartet man, bis das Kind in der Mittagspause aufs Handy schaut?
Die Debatte über Handys an Schulen ist eine Debatte über die Frage, wie wir mit digitalen Geräten leben wollen. Geht es um Verbote oder um Kompetenz? Um Kontrolle oder um Vertrauen? Um Schutz oder um Freiheit? Ob sie richtig ist, wird sich ab dem Schuljahr 2027/28 zeigen.
Was denkst du: Braucht es ein komplettes Handyverbot an Schulen, oder sollten wir den Jugendlichen mehr zutrauen?
