60 Sekunden bleiben dem Operator, dann vertraut er im Zweifel der Maschine. Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München warnt, der Mensch werde zum Flaschenhals. Im Defense Lab Erding, eröffnet am 22. Oktober 2026, arbeiten Bundeswehr, Polizei und Start-ups an C-UAS-Systemen wie AT Defender und AT Hive. Ob die menschliche Kontrolle dabei hält, ist offen.
Warum Bayern mit dem Defense Lab Erding KI-Drohnen und autonome Waffensysteme fördert, und die Frage „Mensch oder Maschine?“ offen bleibt
Defense Lab Erding startet: Sicherheitspolitik unter einem Dach
In Erding, auf dem Gelände eines ehemaligen Fliegerhorsts, entsteht ein Ort, an dem sich die Zukunft der deutschen Sicherheitspolitik entscheidet. Das Defense Lab Erding wurde am 22. Oktober 2026 eröffnet. Es bündelt Bundeswehr, Polizei, Start-ups und Hochschulen unter einem Dach. Ministerpräsident Markus Söder erklärte bei der Eröffnung: „Es braucht Investitionen in Defense Tech, um unsere Werte und Freiheit in Zeiten immer neuer Schattenkonflikte und hybrider Kriegsführung zu verteidigen.“ Bayern sei ohnehin „Defense Tech Standort Nummer 1“, mit 50 000 Mitarbeitenden und 10 Milliarden Euro Umsatz in der Branche. Die offizielle Website des Defense Lab beschreibt den zivilen Innovationscampus als Ort, der Wissenschaft, Forschung, Start-ups und Unternehmen auf dem Gelände des Fliegerhorsts zusammenbringt. Die Eröffnung am 22. Oktober 2026 markiert den Beginn der Anfangsphase. Das bayerische Landesportal fasst die wesentlichen Bestandteile zusammen: Innovationszentrum der Bundeswehr, Drohnenkompetenz- und -abwehrzentrum der Polizei und ziviler Innovationscampus. Die Süddeutsche Zeitung ergänzt, dass es neben Arbeitsplätzen und Konferenzräumen auch ein Testgelände für unbemannte Fahrzeuge und bald auch für militärische Weltraumsysteme gibt. Im Mittelpunkt stehen sogenannte C-UAS-Systeme (Counter-Unmanned Aerial Systems), die an Geräten wie „AT Defender“ und „AT Hive“ arbeiten, um multiple Bedrohungen zu erkennen, zu verfolgen und abzuwehren.
Warum Start-ups nach Bayern ziehen und Drohnen zur Sicherheitsfrage werden
Der Umzug von Potsdam nach München folgt einer Standortlogik. Bayern bietet mit dem Defense Lab ein Testgelände, die Nähe zu Bundeswehr und Polizei als potenzielle Auftraggeber und eine Landesregierung, die offensiv für den Standort wirbt. Für ein junges Unternehmen, das autonome Systeme entwickelt, ist das ein entscheidender Vorteil. Für Beschäftigte in der Rüstungsindustrie entstehen neue Arbeitsplätze, für Start-ups neue Aufträge. Drohnen sind längst mehr als militärisches Gerät. Sie fliegen über Flughäfen, Stadien, kritische Infrastruktur. Die Fähigkeit, sie zu erkennen und abzuwehren, wird damit zu einer Frage der öffentlichen Sicherheit. Aus Teilen der Münchner Rüstungsbranche kommt Skepsis: Der konkrete Mehrwert des neuen Defense Labs sei gegenüber bestehenden Strukturen bislang noch nicht vollständig erkennbar. Selbst innerhalb der Industrie ist offen, ob das Defense Lab echte Innovation bringt oder vor allem politische Symbolik.
Menschliche Kontrolle und Völkerrecht geraten unter Druck
Im Zentrum der technologischen Entwicklung steht die Autonomie von Waffensystemen. Noch hält die Bundeswehr am Prinzip „Human in the Loop“ fest: Ein Mensch muss den Waffeneinsatz freigeben. Doch der Sicherheitsexperte Frank Sauer von der Universität der Bundeswehr München warnt, dass mit der zunehmenden Geschwindigkeit autonomer Systeme der Mensch immer stärker unter Zeitdruck gerät. „Wenn die Entwicklung ungebremst weitergeht, wird der Mensch irgendwann zum Flaschenhals“, sagt Sauer. Um zu verstehen, was das bedeutet, muss man die Stufen der Autonomie unterscheiden. Man spricht von „Human in the Loop“, wenn ein Mensch eine entscheidende Aktion freigeben muss, etwa den Angriff bestätigen. „On the Loop“ bedeutet, das System agiert weitgehend autonom, der Mensch überwacht und kann eingreifen. „Off the Loop“ heißt, dass nach der Aktivierung keine menschliche Kontrolle mehr vorgesehen ist. Der menschliche Operator hat vielleicht 60 Sekunden, um zu entscheiden. In solchen Situationen greift häufig der sogenannte „Automation Bias“, die Tendenz, maschinellen Empfehlungen zu vertrauen, selbst wenn es Grund zum Zweifel gibt. Diese Begriffe beschreiben, wie viel Kontrolle der Mensch in einem Krieg der Zukunft noch hat. Der Automation Bias beschreibt eine reale Gefahr: Unter Zeitdruck vertraut ein Soldat eher der Maschine als seinem eigenen Urteil. Das ist menschlich, untergräbt aber die Idee der menschlichen Kontrolle. Genau hier setzt die ethische Kritik an.
Menschenrechtsorganisationen wie das Internationale Komitee vom Roten Kreuz warnen vor ethischen und moralischen Risiken. Sollten eines Tages voll-autonome Waffensysteme rein auf Basis von Algorithmen ohne menschliche Kontrolle über Leben und Tod entscheiden, wäre das ein Bruch des humanitären Völkerrechts. Autonome Systeme können nicht verlässlich zwischen Zivilisten und Kombattanten unterscheiden. Diese Warnung betrifft die Grundregeln des Krieges, die seit Jahrzehnten in Genf und anderswo ausgehandelt wurden. Wenn Algorithmen diese Regeln nicht einhalten können, steht das gesamte humanitäre Völkerrecht auf dem Spiel.
Bayern baut Drohnenabwehr und Defense-Infrastruktur massiv aus
Die bayerische Staatsregierung treibt das Projekt mit Nachdruck voran. Ministerpräsident Söder bezeichnete das Defense Lab als „modernstes Kreativlabor der Bundeswehr“. Dafür sollen 22 Hektar Fläche vom Bund an die Stadt übergehen. Auf X schrieb Söder: „Der neue Innovationscampus in Erding und unser gesamter Rüstungscluster ermöglichen Technologiesprünge von KI bis zu Drohnen. Das ist auch für die Soldaten wichtig: Mit bestem Material und modernster Ausrüstung halten wir denjenigen den Rücken frei, die für uns den Rücken hinhalten. Mit einem eigenen bayerischen Bundeswehrgesetz sind wir zudem bundesweit Vorreiter.“ Söders Aussage auf X verbindet wirtschaftliche Interessen mit soldatischer Fürsorge und landespolitischer Profilierung. Er spricht von Technologiesprüngen und Rüstungscluster, aber auch von Soldaten, denen man den Rücken freihält. Diese rhetorische Verknüpfung soll Kritikern den Wind aus den Segeln nehmen.
Auch das Innenministerium ist beteiligt. Im Drohnenkompetenz- und -abwehrzentrum (DKAZ) bündelt Bayern gezielt vorhandene Kompetenzen und verknüpft modernste Technik mit praxisnaher polizeilicher Einsatzfähigkeit, erklärte Innenminister Herrmann. Mehr als 40 Einsatzkräfte starten den Betrieb, der seit 1. April 2026 läuft und eng mit dem Gemeinsamen Drohnenabwehrzentrum des Bundes in Berlin vernetzt ist. Für Bürgerinnen und Bürger bedeutet das: Drohnen über Flughäfen, Stadien oder kritischer Infrastruktur sollen künftig schneller erkannt und abgewehrt werden. Die Polizei erhält dafür ein eigenes Test- und Trainingsgelände. Während der Bund in Berlin ein zentrales Drohnenabwehrzentrum betreibt, setzt Bayern in Erding auf eine dezentrale, zivil-militärische Verzahnung. Dieser Ansatz ist in der europäischen Sicherheitsarchitektur ungewöhnlich, weil er polizeiliche und militärische Aufgaben räumlich und organisatorisch zusammenführt. Der Föderalismus erlaubt Bayern, eine Vorreiterrolle zu übernehmen, die in zentralistisch organisierten europäischen Staaten so nicht möglich wäre.
Menschliche Kontrolle, Demokratie und Nutzen bleiben ungeklärt
Die entscheidende Frage bleibt offen: Wird der Mensch in Zukunft noch die Kontrolle über autonome Waffensysteme haben? Frank Sauer warnt, dass der Mensch zum Flaschenhals wird, wenn die Entwicklung ungebremst weitergeht. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz warnt vor einem Bruch des humanitären Völkerrechts, sollten voll-autonome Waffensysteme ohne menschliche Kontrolle über Leben und Tod entscheiden. Die Technologie entwickelt sich schneller als die Regeln, und die menschliche Kontrolle droht zur Illusion zu werden.
Welche offenen Fragen wirft dieser Wandel auf? Zweitens: Welche demokratische Kontrolle gibt es über die Entwicklung und den Einsatz solcher Systeme, wenn sie in einem zivil-militärischen Ökosystem entstehen, das bewusst die Grenzen zwischen Polizei, Bundeswehr und Privatwirtschaft verwischt? Drittens: Ist der Mehrwert des Defense Labs für die Rüstungsbranche tatsächlich gegeben, oder bleibt es bei einer politischen Inszenierung, wie Teile der Branche vermuten? Viertens: Wie verhindert man, dass der Automation Bias dazu führt, dass Menschen Entscheidungen treffen, die sie ohne Zeitdruck nie treffen würden? Diese Fragen betreffen die Grundregeln, nach denen Deutschland und Europa in Zukunft Sicherheit organisieren. Sie werden seit Jahren in internationalen Foren diskutiert, von Genf bis New York. Das Defense Lab Erding verleiht ihnen eine neue Dringlichkeit, weil es die Technologie aus dem Labor auf ein Testgelände holt, auf dem reale Systeme erprobt werden. Autonome Waffensysteme werden kommen. Entscheidend ist, wie wir mit ihnen umgehen.
Bayern bricht auf, aber ohne klare Regeln
Ich sehe in dem Defense Lab Erding einen notwendigen, aber riskanten Schritt. Notwendig, weil hybride Bedrohungen und Schattenkonflikte real sind und Deutschland in der Verteidigungstechnologie aufholen muss. Riskant, weil die Autonomie der Systeme die menschliche Kontrolle untergräbt, bevor die Gesellschaft eine Antwort auf die Frage „Mensch oder Maschine?“ gefunden hat. Bayern bricht hier auf, das ist unbestreitbar. Aber ein Aufbruch ohne klare Regeln führt ins Ungewisse. Meine Forderung ist deshalb: Bevor die ersten voll-autonomen Systeme scharf geschaltet werden, braucht es eine öffentliche Debatte über die Grenzen der Autonomie, eine unabhängige ethische Begutachtung und eine gesetzliche Verankerung des Human-in-the-Loop-Prinzips, die mehr ist als ein Lippenbekenntnis. Ich bin mir bewusst, dass diese Forderung nach Regulierung in einem Umfeld, das auf Geschwindigkeit und Wettbewerbsfähigkeit setzt, unpopulär klingen mag. Doch genau darin liegt die Verantwortung einer Gesellschaft, die sich dem humanitären Völkerrecht verpflichtet fühlt. Der Aufbruch in Erding ist real, aber er darf nicht blind erfolgen. Sonst entscheidet am Ende nicht der Mensch, sondern der Algorithmus. Und das wäre ein Bruch mit allem, wofür das humanitäre Völkerrecht steht.
