184 Regionen, die zwischen 2014 und 2024 noch gewachsen sind, werden bis 2045 schrumpfen. Zwei Drittel der 400 Kreise verlieren Bevölkerung, die Erwerbsbevölkerung sinkt um 4,7 Prozent auf 50,7 Millionen. Suhl droht ein Minus von 30 Prozent – wie hält eine Stadt mit einem Drittel weniger Menschen ihre Infrastruktur aufrecht?
Warum Deutschland bis 2045 auf 81,8 Millionen Menschen schrumpft – und welche Regionen am stärksten verlieren

Deutschland schrumpft – aber nicht überall, und genau das ist das Problem. 2026 leben rund 83,3 Millionen Menschen in Deutschland, bis 2045 dürfte die Zahl auf rund 81,8 Millionen sinken. Besonders ländliche Regionen verlieren, während viele Großstädte weiter wachsen könnten. Das ist keine ferne Demografie-Übung, sondern eine Verschiebung, die schon begonnen hat. Ich halte fest: Die entscheidende Frage ist nicht mehr, ob Deutschland schrumpft, sondern wo – und wer die Folgen trägt.
Die Schrumpfung wird breiter und trifft die Arbeitskräfte
Die Wende erreicht jetzt auch Regionen, die sich bislang sicher fühlten. Gut zwei Drittel der 400 Kreise und kreisfreien Städte verlieren Bevölkerung; 184 Regionen, die zwischen 2014 und 2024 noch gewachsen sind, dürften künftig schrumpfen; 2019 erwartete die Studie noch für 160 Kreise Wachstum, heute sind es nur noch 125. Das ist der eigentliche Bruch: Nicht nur der Osten verliert, sondern auch viele Regionen, die sich im letzten Jahrzehnt als Gewinner fühlen durften. Die demografische Karte Deutschlands wird neu gezeichnet.
Besonders hart trifft es die Erwerbsbevölkerung. Bundesweit schrumpft die Bevölkerung im Erwerbsalter bis 2045 um 4,7 Prozent, von rund 53 auf 50,7 Millionen Menschen. Nur die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen erwarten auf Landesebene noch Zuwächse; in Thüringen beträgt der Rückgang rund 18 Prozent oder etwa 222.000 Menschen, in Sachsen-Anhalt 15,4 Prozent, in Sachsen 5,7 Prozent. Thüringen verliert damit fast ein Fünftel seiner Arbeitskräfte. Das ist kein Randphänomen, das ist eine Spaltung.
Extreme Verluste im Osten – eine Einheitspolitik reicht nicht
Die Extreme liegen im Osten. 42 der 50 Regionen mit den stärksten erwarteten Verlusten liegen im Osten; Suhl dürfte bis 2045 rund 30 Prozent seiner Einwohner verlieren. Suhl wird damit zum Symbol einer Entwicklung, die ganze Landstriche ausdünnt. Ich frage mich, was eine Stadt mit einem Drittel weniger Menschen noch an Infrastruktur aufrechterhalten kann.
Genau diese Frage stellt auch die Forschung. Manche Regionen müssen Wohnungen und Infrastruktur für mehr Menschen schaffen, andere für weniger Einwohner:innen die Daseinsvorsorge mit weniger Arbeitskräften bewältigen. Eine Politik nach einem Muster wird dieser Entwicklung nicht gerecht“, sagt Catherina Hinz, Direktorin des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Das ist der Kern der Transformation: Die Gleichzeitigkeit von Wachstum und Schrumpfung verlangt eine Politik, die beides kann.
Die regionalen Unterschiede sind gewaltig. In Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland beträgt der Rückgang im Erwerbsalter sogar rund 12 bis 18 Prozent. Das sind keine abstrakten Prozentzahlen, das sind fehlende Pflegekräfte, fehlende Handwerker, fehlende Lehrkräfte. Der Osten und das Saarland erleben, was passiert, wenn die demografische Welle auf eine ohnehin angespannte Arbeitsmarktlage trifft.
Weniger Beitragszahler, mehr Leistungsempfänger – Demografie wird Verteilungsfrage
Doch es gibt eine produktive Wendung. „Weniger Menschen im Erwerbsalter bedeuten nicht automatisch weniger Beschäftigte“, sagt Dr. Frederick Sixtus, Projektkoordinator Demografie Deutschland am Berlin-Institut. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass wirtschaftlich erfolgreiche Regionen Ältere und Menschen ohne deutschen Pass häufiger in Beschäftigung bringen. Gerade wenn Arbeitskräfte knapper werden, macht das einen Unterschied.“ Das ist die eigentliche Bruchlinie: Weniger Beitragszahler, mehr Leistungsempfänger. Die demografische Frage wird zur Verteilungsfrage.
Was bedeutet das für Deutschland? Ich sehe drei offene Fragen. Erstens: Wie organisiert man Daseinsvorsorge in Regionen, die ein Drittel ihrer Bevölkerung verlieren, ohne die Verbliebenen im Stich zu lassen? Zweitens: Wie steigert man die Erwerbsbeteiligung von Älteren und Menschen ohne deutschen Pass, ohne neue soziale Spannungen zu erzeugen? Drittens: Wie verteilt man die Lasten zwischen wachsenden Großstädten und schrumpfenden Landstrichen, ohne den Zusammenhalt zu gefährden? Meine Einschätzung: Die Politik muss aufhören, Demografie als Randthema zu behandeln. Sie ist die zentrale Transformationsfrage der kommenden zwei Jahrzehnte. Wer jetzt nicht umsteuert, wird später nur noch verwalten, was nicht mehr zu retten ist.
