Der Beitrag untersucht, ob die Europäische Union eine gemeinsame Armee etablieren sollte. Die zentrale These lautet, dass die Befürworter stärkere ökonomische und ressourcenbezogene Argumente vorbringen, während die Gegner primär verfassungsrechtliche Bedenken hinsichtlich demokratischer Kontrolle äußern. Wesentliche Erkenntnisse sind: (1) Durch Bündelung von Verteidigungsbudgets und Ressourcen könnten Effizienzgewinne erzielt und die militärische Leistungsfähigkeit gesteigert werden; (2) Es existiert bereits ein breites politisches Spektrum, das die Idee unterstützt, sowie vorhandene strukturelle Vorläufer wie Eurocorps; (3) Die fehlende Klarheit über die parlamentarische Kontrolle und nationale Vorbehalte stellt ein signifikantes Hindernis für eine supranationale Streitmacht dar. Das Ergebnis bleibt offen, wobei die Notwendigkeit einer klaren Regelung der demokratischen Legitimation betont wird.
Sollte die EU eine gemeinsame Armee aufbauen?
Einordnung
Die Frage nach einer gemeinsamen europäischen Armee ist keine neue, aber sie hat durch die Verschiebungen im transatlantischen Verhältnis und den Krieg in der Ukraine an Dringlichkeit gewonnen. Beim EU-Gipfeltreffen am 6. März 2025 beschlossen bis auf Ungarn alle EU-Mitgliedsstaaten, Verantwortung für einen „gerechten und dauerhaften Frieden in der Ukraine“ zu übernehmen. Dieser Beschluss markiert den jüngsten Schritt in einer Debatte, die spätestens seit dem Rückzug der Vereinigten Staaten aus dem Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty und der Skepsis des damaligen amerikanischen Präsidenten Donald Trump gegenüber dem Atlantizismus an Fahrt aufgenommen hat. Der französische Präsident Macron unterstützte die Idee einer EU-Armee im Jahr 2018 aus genau diesen Gründen. Im Jänner 2026 forderte der spanische Premierminister in Davos eine EU-Armee. Alles andere bleibt zwischenstaatliche Kooperation. Um diese Definition kreist der Streit.
Position A: Die Befürworter einer gemeinsamen Armee
Die Befürworter argumentieren zunächst mit der inneren Logik der europäischen Integration. Das Konzept einer Europa-Armee – in welcher Form auch immer – ergibt sich aus der Logik der europäischen Integration hin zu einer politischen Union. Wer die politische Union will, muss auch die Verteidigung vergemeinschaften. Dieser Gedanke wird durch das Prinzip des „Pooling and Sharing“ gestützt: Wer die Bündelung der vorhandenen militärischen Fähigkeiten zu Ende denkt, gelangt nahezu automatisch zur gemeinsamen Streitmacht. Die Befürworter sehen in der gemeinsamen Armee also keinen Selbstzweck, sondern die konsequente Fortsetzung eines bereits eingeschlagenen Weges.
Das zweite zentrale Argument ist die Effizienz. Derzeit umfassen die Verteidigungshaushalte der EU immerhin fast 200 Milliarden Euro – die Fähigkeiten der EU-Streitkräfte entsprechen aber nur 10 bis 15 Prozent der Leistungsfähigkeit des amerikanischen Militärs. Diese Diskrepanz zwischen Mitteleinsatz und militärischer Leistungsfähigkeit ist der Ausgangspunkt für die Forderung nach einer gemeinsamen Armee. Von einer effizienteren Nutzung der Verteidigungshaushalte würden auch die rüstungsindustriellen Fähigkeiten profitieren, da deutlich mehr Geld für militärische Investitionen zur Verfügung stünde. Die Zersplitterung in 27 nationale Streitkräfte mit unterschiedlichen Beschaffungssystemen und Standards gilt den Befürwortern als Hauptursache für die Ineffizienz.
Ein drittes Argument betrifft die vorhandenen Ressourcen. Das Problem ist nicht die Menge, sondern die Fragmentierung. Eine gemeinsame Armee könnte diese Ressourcen bündeln. Zudem könnte die EU wettbewerbsfähige Gehälter anbieten, die für Europäer in ärmeren Regionen hochattraktiv wären, und Rekruten aus bestimmten Kandidatenländern wie dem Westbalkan die EU-Staatsbürgerschaft anbieten. Damit ließe sich das Personalproblem lösen, das viele nationale Armeen plagt.
Die politische Unterstützung für eine EU-Armee ist breit und reicht über das Parteienspektrum hinweg. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker forderte in seiner Europa-Rede im November 2016 „einen neuen Anlauf in Sachen europäische Verteidigungsunion bis hin zu dem Ziel der Einrichtung einer europäischen Armee“. Am 23. Februar 2024 forderten Ursula von der Leyen und Friedrich Merz, eine echte Verteidigungsunion zu schaffen. Politische Akteure wie NEOS fordern explizit die Schaffung der „Vereinigten Staaten von Europa – mit echter gemeinsamer Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik, einem:r echten Außenminister:in und einer gemeinsamen europäischen Armee“. Die österreichische Politikerin Gamon erklärte: „Die Europäische Union muss souverän sicher sein“ und begründete damit ihre Unterstützung für eine gemeinsame EU-Armee. Diese Liste zeigt: Die Forderung ist kein Randphänomen, sondern wird von Regierungschefs, Kommissionspräsidenten und Oppositionsführern getragen.
Schließlich verweisen die Befürworter auf bereits bestehende Strukturen, die als Vorstufe einer gemeinsamen Armee dienen könnten. Eurocorps ist eine autonome militärische Streitmacht von Frankreich, Deutschland (Gründungsstaaten), Belgien, Spanien, Luxemburg und Polen (Rahmenstaaten) und Österreich, Griechenland, Italien, Rumänien und der Türkei (assoziierte Mitglieder), deren Ziel es ist, ein gemeinsames Hauptquartier und die Führung ausgewählter nationaler Militäreinheiten mit bis zu 65.000 Personal aufrechtzuerhalten. Am 11. Dezember 2017 unterzeichneten die Außen- und Verteidigungsminister von 25 EU-Mitgliedsstaaten in Brüssel einen Grundsatzbeschluss für eine ständige Zusammenarbeit in Verteidigungsfragen. Diese Schritte zeigen, dass die Mitgliedstaaten bereits bereit sind, Souveränität im Verteidigungsbereich zu teilen – wenn auch bislang nur in begrenztem Umfang.
Die Gegenseite ist in der öffentlichen Debatte weniger prominent, aber ihre Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Das erste Gegenargument lautet, dass die EU-Armee eine Ablenkung ist. In den letzten etwa zehn Jahren ist das gesamte Konzept einer europäischen Armee zu einer Ablenkung geworden. Statt sich auf die mühsame Verbesserung der tatsächlichen militärischen Fähigkeiten zu konzentrieren, verliere sich die Debatte in symbolischen Großprojekten. Die deutsche Verteidigungsanalystin Ulrike Franke hat die EU-Armee treffend als „Gespenst im System der europäischen Verteidigungsdebatten“ bezeichnet. Ein Gespenst ist nicht real, aber es spukt und lenkt von den realen Problemen ab.
Das zweite, gewichtigere Gegenargument betrifft die demokratische Kontrolle. Eine supranationale Armee unter einheitlichem EU-Kommando wirft die Frage auf, wer über ihren Einsatz entscheidet. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung spricht von einer „parlamentarisch kontrollierten europäischen Armee“, erläutert aber nicht, ob der Bundestag oder das Europaparlament gemeint ist. Diese Unklarheit ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines grundlegenden Problems: Die demokratische Legitimation der EU ist schwächer als die der Nationalstaaten. Zudem verfügen einige EU-Mitgliedstaaten, wie zum Beispiel Spanien, Frankreich und Dänemark, über einen Parlamentsvorbehalt, der den Einsatz ihrer Streitkräfte an die Zustimmung des nationalen Parlaments bindet. Eine gemeinsame Armee würde diese nationalen Vorbehalte entweder aushebeln oder zu einem unauflösbaren Konflikt zwischen supranationaler Entscheidung und nationaler Verantwortung führen. Die Gegner fragen: Wer trägt die politische Verantwortung, wenn europäische Soldaten in einen Konflikt geschickt werden, den ein nationales Parlament nicht gebilligt hat?
Ein drittes, implizites Gegenargument ergibt sich aus der bestehenden Praxis. Die bisherigen Schritte – Eurocorps, der Grundsatzbeschluss von 2017 – sind zwischenstaatlicher Natur. Sie beruhen auf Freiwilligkeit und Einstimmigkeit, nicht auf supranationaler Integration. Die Gegner sehen darin den einzig realistischen Weg: Kooperation statt Integration. Eine vollständige Integration nationaler Streitkräfte unter einheitlichem EU-Kommando würde einen Verfassungsbruch in mehreren Mitgliedstaaten bedeuten, weil die Wehrhoheit zum Kernbestand nationaler Souveränität gehört. Diese Position ist in den vorliegenden Fakten allerdings nur indirekt belegt – die expliziten Gegenargumente beschränken sich auf Ablenkung und demokratische Kontrolle.
Abwägung
Die Beleglage ist asymmetrisch. Für die Befürworter einer gemeinsamen EU-Armee liegen zahlreiche konkrete Argumente vor: die Effizienzgewinne durch Bündelung, die vorhandenen Ressourcen, die breite politische Unterstützung und die bereits bestehenden Kooperationsstrukturen. Die Gegenseite ist dünner belegt. Ihre stärksten Argumente sind die Ablenkungsthese und die ungeklärte demokratische Kontrolle. Das ist ehrlich festzuhalten: Die vorliegenden Fakten liefern für die Position der Gegner weniger Material als für die der Befürworter.
Der Kern des Dissenses liegt nicht in den Daten, sondern in der Bewertung der institutionellen Voraussetzungen. Die Befürworter setzen voraus, dass eine supranationale demokratische Kontrolle möglich und wünschenswert ist. Die Gegner bezweifeln genau das. Die Effizienzargumente der Befürworter sind überzeugend: 200 Milliarden Euro für 10 bis 15 Prozent der amerikanischen Leistungsfähigkeit ist ein Missverhältnis, das durch gemeinsame Beschaffung und gemeinsame Strukturen behoben werden könnte. Auch die Ressourcen sind vorhanden. Die politische Unterstützung ist real, auch wenn sie oft nur rhetorisch bleibt.
Doch die demokratische Frage ist nicht gelöst. Der Koalitionsvertrag lässt offen, welches Parlament kontrollieren soll. Nationale Parlamentsvorbehalte stehen einer supranationalen Kommandogewalt entgegen. Solange diese Frage nicht beantwortet ist, bleibt die EU-Armee ein Projekt ohne verfassungsrechtliche Grundlage. Die Ablenkungsthese hat ebenfalls Gewicht: Wenn die Debatte über die EU-Armee die dringendere Aufgabe der Fähigkeitsverbesserung verdrängt, wäre das ein Schaden. Allerdings ist nicht belegt, dass diese Verdrängung tatsächlich stattfindet – es handelt sich um eine Prognose, keine gesicherte Tatsache.
Insgesamt tragen die Belege die Position der Befürworter stärker, aber die offene Frage der demokratischen Legitimation ist ein ernstes Hindernis, das nicht durch Effizienzargumente überspielt werden kann.
Schluss
Die Frage, ob die EU eine gemeinsame Armee aufbauen sollte, lässt sich auf der Grundlage der vorliegenden Fakten nicht abschließend beantworten. Die Befürworter haben die stärkeren ökonomischen und ressourcenbezogenen Argumente, die Gegner das stärkere verfassungsrechtliche Bedenken. Der nächste Verfahrensschritt müsste darin bestehen, die parlamentarische Kontrolle einer solchen Armee präzise zu regeln – sei es durch eine Stärkung des Europäischen Parlaments oder durch ein neu zu schaffendes Gremium. Bis dahin bleibt die EU-Armee, was sie nach Ansicht ihrer Kritiker schon lange ist: ein Gespenst, das die Debatte belebt, aber keine Substanz hat. Die Dringlichkeit der geopolitischen Lage spricht dafür, diese Frage nicht länger zu vertagen.
