{"id":472,"date":"2022-10-19T18:43:53","date_gmt":"2022-10-19T18:43:53","guid":{"rendered":"https:\/\/rumition.de\/?p=472"},"modified":"2023-04-04T15:47:02","modified_gmt":"2023-04-04T15:47:02","slug":"beeinflussbares-recht-die-selbst-bestaetigende-ueberzeugung-ein-experiment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rumition.de\/index.php\/2022\/10\/19\/beeinflussbares-recht-die-selbst-bestaetigende-ueberzeugung-ein-experiment\/","title":{"rendered":"Beeinflussbares Recht \u2013 die selbst best\u00e4tigende \u00dcberzeugung \u2013 ein Experiment"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:25px\">Aus unterschiedlichen vorangegangen Studien und der Analyse polizeilicher Vernehmungstaktiken, nahmen Kassin und Kollegen an, dass zum Teil theoriegeleitete soziale Interaktionen bei polizeilichen Verh\u00f6rmethoden auf Schuldvermutungen beruhen und so Aussagen beeinflussen. Sie stellten die Hypothese auf, dass sich ein selbst verst\u00e4rkender Prozess in Gang setzen k\u00f6nnte, bei dem das Verhalten des Vernehmers, das Verhalten des Verd\u00e4chtigen einschr\u00e4nkt und so zu einer scheinbaren Best\u00e4tigung der eigenen \u00dcberzeugung f\u00fchrt. Um dies genauer zu untersuchen, f\u00fchrten Kassin und Kollegen ein zweiphasiges Experiment durch. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:25px\">Innerhalb eines Laborparadigmas wurden die \u00dcberzeugungen der Vernehmungsbeamten und die tats\u00e4chliche Schuld oder Unschuld der zu Vernehmenden zuf\u00e4llig variiert. In Phase eins nahmen 104 Psychologiestudenten paarweise teil, um als Vernehmungsbeamte oder Verd\u00e4chtige aufzutreten. Jedes Paar wurde nach dem Zufallsprinzip einer Gruppe zugewiesen, Vernehmungserwartung: schuldig vs. unschuldig, Verd\u00e4chtigenstatus: schuldig vs. unschuldig. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:25px\">Den Vernehmungsbeamten wurde erz\u00e4hlt, dass sie die Rolle eines Detektivs \u00fcbernehmen und versuchen einen Fall zu l\u00f6sen. Die Versuchsleiter manipulierten die Erwartung der Vernehmer und erl\u00e4uterten anschlie\u00dfend die Ziele einer polizeilichen Befragung. A) ein Gest\u00e4ndnis zu erlangen, B) eine genaue Feststellung der Schuld oder Unschuld zu gew\u00e4hrleisten. Anschlie\u00dfend hatten die Probanden Zeit, eine Befragungsstrategie zu planen. Hierzu wurde Material zur polizeilichen Vernehmung, eine neutrale Eingangsfrage und 12 Fragen, die jeweils paarweise schuld vermutend und unschuld vermutend waren, sowie eine Checkliste mit 13 Verh\u00f6rmethoden bereitgestellt. Die Probanden erhielten die Anweisung, jeweils sechs der zuf\u00e4llig angeordnete Fragen und Verh\u00f6rmethoden auszuw\u00e4hlen. Es wurde freigestellt, die Verh\u00f6rmethoden anzuwenden. Allen Vernehmern versprach man ein Geschenkgutschein eines \u00f6rtlichen Sandwich-Ladens, wenn Sie die Verd\u00e4chtigen richtig als schuldig oder unschuldig erkannten. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:25px\">Die Verd\u00e4chtigen wurden entweder angeleitet, einen vorget\u00e4uschten Diebstahl zu begehen, oder den Tatort ohne Tat aufzusuchen. Der Versuchsleiter erkl\u00e4rte den Verd\u00e4chtigen, dass ihr Ziel darin bestehe, ihre Beteiligung zu leugnen und die Vernehmer von ihrer Unschuld zu \u00fcberzeugen. Allen Verd\u00e4chtigen versprach man ein Geschenkgutschein eines \u00f6rtlichen Sandwich-Ladens, wenn der Vernehmungsbeamte sie nach der Sitzung f\u00fcr unschuldig befand. Die Befragungen von einer Dauer von circa zehn Minuten wurden durchgef\u00fchrt und aufgezeichnet. Anschlie\u00dfend bat man die Vernehmer, in einem Fragebogen zu beurteilen, ob der Verd\u00e4chtige schuldig oder unschuldig ist, weiter den Grad der \u00c4ngstlichkeit, der Abwehrhaltung, der Freundlichkeit und der Eindringlichkeit seiner Leugnung zu beurteilen. Ebenso sollten die Vernehmer angeben, wie viel Druck sie auf den Verd\u00e4chtigen aus\u00fcbten. Die Verd\u00e4chtigen f\u00fcllten einen simultanen Fragebogen aus Ihrer Sicht aus. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:25px\">Um auszuschlie\u00dfen, dass die Verd\u00e4chtigen selbst von den manipulierten Erwartungen beeinflusst wurden, bewerteten unabh\u00e4ngige Beobachter die aufgezeichneten Verh\u00f6re in der zweiten Phase. Hierzu wurden achtundsiebzig Psychologiestudenten paarweise ausgew\u00e4hlt und nach dem Zufallsprinzip eingeteilt. Sie h\u00f6rten sich Tonbandaufnahmen von A) nur Vernehmungsbeamten, B) nur Verd\u00e4chtigen, oder C) beide Spuren von jeweils vier Verh\u00f6ren an. Anschlie\u00dfend beurteilten die Beobachter mittels Fragebogen, ob jeder Verd\u00e4chtige schuldig oder unschuldig war und bewerteten ihr Vertrauen in dieses Urteil. Au\u00dferdem sollten sie angeben, ob der Vernehmungsbeamte den Verd\u00e4chtigen f\u00fcr schuldig oder unschuldig befunden hatte, sowie ihr Vertrauen in diese Einsch\u00e4tzung bewerten. Weiter sollten Sie bewerten, inwieweit der Vernehmer zu Beginn die Schuld des Verd\u00e4chtigen vermutete, wie sehr sich dieser um ein Gest\u00e4ndnis bem\u00fchte und wie viel Druck er auf den Verd\u00e4chtigen aus\u00fcbte. In Bezug auf den Verd\u00e4chtigen bewerteten die Beobachter, wie \u00e4ngstlich und defensiv er war, wie entschieden er die Anschuldigungen bestritt und wie plausibel sein Alibi erschien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:25px\">Das Experiment konnte zeigen, dass die Erwartung der Vernehmungsbeamten deren Wahrnehmung und Verhalten vor, w\u00e4hrend und nach der Vernehmung beeinflussten. Vernehmer mit einer Schuldzuweisungserwartung w\u00e4hlten vor dem Verh\u00f6r mehr schuld vermutende Fragen aus, setzen w\u00e4hrend dem Verh\u00f6r mehr Techniken ein und beurteilten Verd\u00e4chtige \u00f6fter als schuldig. Weiter gaben beide Seiten an, dass die Vernehmenden mehr Druck auf die unschuldigen Verd\u00e4chtigen aus\u00fcbten. Weiter konnte man zeigen, dass Beobachter in der Lage waren, Vernehmungsbeamte mit schuldigen und unschuldigen Erwartungen zu erkennen. Sie nahmen bei Vernehmern mit einer Schuldvermutung mehr Druck wahr, um ein Gest\u00e4ndnis zu erlangen. Auch dann, wenn die Beobachter nur die Tonb\u00e4nder mit den Antworten der Verd\u00e4chtigen erhielten. Ebenso waren die Beobachter der Meinung, dass unschuldige Verd\u00e4chtige die plausibleren Leugnungsgeschichten 3 erz\u00e4hlten. Das l\u00e4sst vermuten, dass erz\u00e4hlerische Unschuldsindizien vorgetragen wurden. Die Daten der Beobachter deuteten ebenso darauf hin, dass die Beschuldigten die vorherigen \u00dcberzeugungen der Vernehmer durch ihr Verhalten best\u00e4tigten. So wurden die Verd\u00e4chtigen in der Rolle \u201eSchuldig\u201c als defensiver eingesch\u00e4tzt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\" style=\"font-size:25px\">Zusammenfassend stellt diese Studie eindr\u00fccklich dar, wie eine Schuldvermutung das Verhalten der Vernehmer vor, w\u00e4hrend und nach einer Befragung beeinflusst. Weiter ein Prozess der Verhaltensbest\u00e4tigung in Gang setzt, dass die Erwartungen und das Verhalten des Vernehmers und des Verd\u00e4chtigen beeinflussen, selbst von neutralen Beobachtern wahrnehmbar. Somit konnte die Hypothese best\u00e4tigt werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus unterschiedlichen vorangegangen Studien und der Analyse polizeilicher Vernehmungstaktiken, nahmen Kassin und Kollegen an, dass zum Teil theoriegeleitete soziale Interaktionen bei polizeilichen Verh\u00f6rmethoden auf Schuldvermutungen beruhen und so Aussagen beeinflussen. 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