{"id":609,"date":"2023-02-12T10:36:17","date_gmt":"2023-02-12T10:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/rumition.de\/?p=609"},"modified":"2023-04-04T15:50:40","modified_gmt":"2023-04-04T15:50:40","slug":"home-office-hell","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rumition.de\/index.php\/2023\/02\/12\/home-office-hell\/","title":{"rendered":"Home-Office Hell"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Notwendigkeit der Arbeit f\u00fcr das menschliche Wohlbefinden ist Gegenstand zahlreicher Studien aus der Arbeits- und Organisationspsychologie. In der Beschreibung der Funktionen der Arbeit haben sich \u00fcber die Zeit hinweg zwei grundlegende Konzepte etabliert. Arbeit als Gegenstand der manifesten Funktion, also den gr\u00f6\u00dftm\u00f6glichen Wohlstand f\u00fcr jeden Mitarbeiter durch die Bereitstellung finanzieller Mittel zu gew\u00e4hrleisten. Arbeit als eine Kombination aus der manifesten und zus\u00e4tzlichen latenten Funktionen nach Jahoda (1982). Doch inwieweit nehmen unterschiedliche Formen und Arten der Arbeit Einfluss auf die Erf\u00fcllung dieser latenten Faktoren? Und welche Auswirkungen haben strukturelle Ver\u00e4nderungen in der Arbeitsweise, wie der dauerhafte oder gestiegene Anteil an Home-Office-Arbeit?<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Latenten Funktionen der Arbeit in verschiedenen Kontexten<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Marie Jahoda beforschte Arbeitslose und stellte 1982 die Theorie der latenten Deprivation auf. Das Model beschreibt, dass die Besch\u00e4ftigung an sich den Zugang zu einer Vielzahl psychologischer Erfahrungen gew\u00e4hrleistet. So postuliert sie, dass das Nachgehen einer Arbeit Zeitstruktur, einen pers\u00f6nlichen Status, soziale Kontakte, einen kollektiven Zweck und eine erzwungene T\u00e4tigkeit bietet. Diese Funktionen sind pers\u00f6nlichkeitsf\u00f6rdernd und erkl\u00e4ren den Bedarf des Menschen an Arbeit umfangreicher als die alleinige Befriedigung der manifesten Funktion. Aufgrund der Herleitung der Theorie, auf Basis unbesch\u00e4ftigter Personen, wurden vor allem Zusammenh\u00e4nge zwischen dem Ausbleiben latenter Funktionen und menschlichem Wohlbefinden untersucht. So konnte ein negativer Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit unter anderem von zwei Metaanalysen nachgewiesen werden.<br>Eine 2022 ver\u00f6ffentlichte, gro\u00df angelegte Studie, mit \u00fcber neuntausend Teilnehmern aus Deutschland, konnte die Zusammenh\u00e4nge validieren und erweitern. So schnitten Arbeitslose in Bezug auf die latenten Funktionen der Arbeit im Allgemeinen schlechter ab. Diese Effekte zeigten sich \u00fcber nahezu alle Dimensionen und verschlechterten sich mit zeitlich ansteigender Nichtbesch\u00e4ftigung. Ebenso ein gro\u00dfer Anteil der negativen Korrelation zwischen Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden konnte erkl\u00e4rt werden. Auch ein Zusammenhang zwischen Nichterwerbspersonen und verschlechterter mentaler Gesundheit konnte in der Forschung nachgewiesen werden. Paul und Batinic (2010) fanden zudem heraus, dass einerseits Erwerbst\u00e4tige mehr Zugang zu den latenten Funktionen der Arbeit verzeichneten, als Unbesch\u00e4ftigte. Andererseits dies nicht nur f\u00fcr Arbeitslose, sondern ebenso unbesch\u00e4ftigte Personen wie Rentner, Studenten oder Hausfrauen gilt. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Sp\u00e4ter weiteten Batinic und Kollegen (2010) das Modell auch auf die Qualit\u00e4t der Arbeit aus. So konnte gezeigt werden, dass ein gesundheitlicher Unterschied zwischen Personen auf verschiedenen Ebenen innerhalb einer Organisation, aber auch zwischen Berufen in unterschiedlichen Statusniveaus existieren. Das gibt erste Hinweise darauf, dass nicht nur ein negativistisches Konzept der latenten Funktionen der Arbeit, sondern auch ein positivistisches existiert. Sprich zwischen verschiedener Arbeit herrscht abweichende Qualit\u00e4t, die erl\u00e4uterten Merkmale zu erf\u00fcllen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In Zusammenhang mit unterschiedlichen Arten der Arbeit konnten weitere beachtliche Ergebnisse erzielt werden. So untersuchten Selenko und Kollegen, inwieweit Freiwilligenarbeit einen alternativen Zugang zu den latenten Funktionen bietet, insbesondere unter dem Einfluss von Jobunsicherheit. Anhand zwei l\u00e4ngsschnittlich angelegter Studien in zwei unterschiedlichen L\u00e4ndern, konnte grunds\u00e4tzlich nachgewiesen werden, dass auch Freiwilligenarbeit den Zugang verbessert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine weitere Studie konnte ebene diesen Effekt auch bei Arbeitslosen best\u00e4tigen. B\u00e4hr und Kollegen untersuchten sp\u00e4ter die Auswirkung atypischer Arbeitsregelungen. Sie konnten zeigen, dass die Art der Arbeitsregelung auf die Befriedigung latenter Funktionen nur wenig Auswirkung hat. Weiter eine h\u00f6here Entlohnung bei gleichbleibender Arbeitszeit nur einen kleinen Effekt hat. Eine erh\u00f6hte Arbeitszeit in Bezug auf die latente Funktion der Zeitstruktur kontraproduktiv ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Zusammenfassend untersuchte die Forschung unterschiedliche Zusammenh\u00e4nge in Bezug auf Arbeitslosigkeit, Erwerbslosigkeit und Arten der Arbeit. Meist in Hinblick auf Wohlbefinden, psychische Gesundheit und dem Zugang zu den latenten Variablen der Arbeit. Neuere Forschung konnte eine unterschiedliche Qualit\u00e4t der Arbeit in der Erf\u00fcllung dieser Variablen nachweisen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Ver\u00e4nderungen in der Arbeitswelt &#8211; Telearbeit<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Corona-Pandemie zog einen tiefgreifenden Einschnitt in die Arbeitsweise der westlichen Gesellschaft nach sich. W\u00e4hrend vor 2019 Telearbeit un\u00fcblich war, zwang die Pandemie Unternehmen dazu, ihre Mitarbeiter ins Home-Office zu schicken. Mittlerweile ist es in vielen deutschen Konzernen Alltag, mittels Betriebsvereinbarung eine Home- Office-M\u00f6glichkeit bereitzustellen. Diese Ambitionen werden im Zuge der New Work Bewegung als eine Arbeitsalltags verbessernde Neuerung gefeiert. Schon fr\u00fch wurde in der Forschung vermutet, dass die Telearbeit eine Auswirkung auf die Arbeitsweise der Besch\u00e4ftigten nimmt. Eine IBM Studie verglich 2003 die drei Arbeitsorte B\u00fcro, virtuelles B\u00fcro und Homeoffice hinsichtlich Aspekte der Arbeit und der Work-Life-Balance. Ergebnisse deuteten darauf hin, dass der Einfluss von virtuellen B\u00fcros auf Aspekte der Arbeit positiv, auf das Privatleben negativ ist. Weiter, dass das Homeoffice \u00fcberwiegend positive Einfl\u00fcsse auf die Work-Life-Balance nimmt, w\u00e4hrend traditionelle B\u00fcros vor allem negativen Einfluss haben. Neuere Studien werfen ein differenzierteres Bild auf Arbeiten im Home-Office, so konnte herausgefunden werden, dass sich unter anderem die Abgrenzung zwischen Privatleben und Arbeit sowie die Ergonomie am Arbeitsplatz verschlechtert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aktuell ist noch zu wenig Forschung zu der Auswirkung von Telearbeit auf die latenten Funktionen von Arbeit verf\u00fcgbar, um definitive Aussagen zu treffen. Jedoch werfen Forschungsergebnisse aus anderen Teilbereichen ein eher negatives Bild auf einen m\u00f6glichen Zusammenhang. Wie zum Beispiel das gut erforschte Ph\u00e4nomen der Zoom-Fatigue oder Probleme in Bezug auf die Gesundheit am Arbeitsplatz bzw. einem erh\u00f6hten Stresslevel durch die Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben. Effekte lassen sich in Bezug auf alle Variablen vermuten. Die Ver\u00e4nderung der Arbeitssituation k\u00f6nnte Einfluss auf die Zeitstruktur nehmen, da Aufgaben sehr viel flexibler erledigt werden k\u00f6nnen, weiter sich privates mit beruflichem vermischt. Auch der soziale Kontakt zwischen den Kollegen ist durch eine Home-Office-T\u00e4tigkeit nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich, da dieser ausschlie\u00dflich virtuell erfolgt. Fehlender sozialer Kontakt und die Abwesenheit im Office k\u00f6nnte zu Identifikationsproblemen mit dem Job und dem Unternehmen f\u00fchren. Somit eine Abnahme des kollektiven Zweckes, sowie dem sozialen Status bedingen. Weiter gilt es zu bedenken, inwieweit die Funktion einer erzwungenen T\u00e4tigkeit weiter erf\u00fcllt werden kann, da Kontrollm\u00f6glichkeiten bei der Telearbeit minimiert sind.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Notwendigkeit der Arbeit f\u00fcr das menschliche Wohlbefinden ist Gegenstand zahlreicher Studien aus der Arbeits- und Organisationspsychologie. In der Beschreibung der Funktionen der Arbeit haben sich \u00fcber die Zeit hinweg zwei grundlegende Konzepte etabliert. 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