65.000 Jugendliche verlassen die Schule ohne Abschluss, gleichzeitig bleiben 54.000 Ausbildungsstellen unbesetzt. 2023 lag die Arbeitslosenquote der Menschen ohne Berufsabschluss bei knapp 21 Prozent, viermal so hoch wie bei Personen mit Berufsabschluss. Für Sahra Wagenknecht ist das 'staatlich organisierter Fachkräftemangel', doch wie erreicht man diese Jugendlichen, bevor sie dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt fallen?
Fast 65.000 Schulabgänger ohne Abschluss: Warum die Zahl der Schulabbrecher ein 20-Jahres-Hoch erreicht und was das für den Fachkräftemangel bedeutet

Was passiert, wenn ein Jugendlicher die Schule ohne Abschluss verlässt? Für den Einzelnen beginnt ein Weg mit mehr Hürden, für Deutschland wird daraus ein strukturelles Problem. Um das zu verstehen, muss man drei Dinge wissen: erstens, wie sich die Zahlen entwickelt haben; zweitens, wer genau betroffen ist; drittens, welche Folgen das für den Einzelnen und für den Fachkräftemangel hat.
Der Anteil ohne Abschluss erreicht ein 20-Jahres-Hoch
Erstens: Die Zahlen.
Im Schuljahr 2024/2025 lag der Anteil der Schulabgänger ohne mindestens einen Hauptschulabschluss bei 8,4 Prozent, der höchste Wert seit 2002/2003 mit 8,9 Prozent. In absoluten Zahlen verließen 65.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss, nach 62.000 im Vorjahr und 56.000 im Jahr davor, bei etwa 770.000 bis 800.000 Schulabgängern insgesamt. Vor zehn Jahren lag die Quote bei 5,6 Prozent. Vor zehn Jahren verließen nur rund 47.000 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Im Schuljahr 2013/2014 lag die Quote bei etwa 5,5 Prozent, 2018/2019 bei rund 6,6 Prozent. Sachsen-Anhalt verzeichnet die höchste Quote. Der Anstieg ist kein einmaliger Ausreißer. Er hat sich über Jahre aufgebaut.
Vor allem Förderschüler und Jungen sind betroffen
Zweitens: Wer ist betroffen?
Im Jahr 2021 verließen rund 47.500 Schülerinnen und Schüler die allgemeinbildenden Schulen ohne Ersten Schulabschluss, das entsprach 6,2 Prozent; gut die Hälfte davon, 23.800, hatte einen Förderschulabschluss. Kai Maaz, Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, warnt davor, die 65.000 pauschal als Schulabbrecher zu bezeichnen: „Ein erheblicher Teil der Jugendlichen kommt aus Förderschulen; darunter sind auch junge Menschen, die ihren Bildungsgang erfolgreich abgeschlossen haben, aber keinen ersten allgemeinbildenden Schulabschluss erhalten.“ Das Problem betrifft vor allem Jungen, die laut einer Bertelsmann-Studie 60 Prozent der Schulabgänger ohne Abschluss stellen. Die Statistik erfasst also unterschiedliche Gruppen. Nicht alle sind Abbrecher im engeren Sinn, aber alle stehen vor derselben Hürde: ohne formalen Abschluss in einen Arbeitsmarkt zu treten, der Qualifikation verlangt.
Ohne Abschluss drohen Arbeitslosigkeit und geringere Verdienste
Drittens: Die Folgen für den Einzelnen.
Ein fehlender Berufsabschluss hat nachhaltige Folgen: Erwerbskarrieren verlaufen unsteter, mit häufigen Phasen von Arbeitslosigkeit, und die Verdienste sind geringer; 2023 lag die Arbeitslosenquote derjenigen ohne Berufsabschluss bei knapp 21 Prozent und damit viermal so hoch wie die der Personen mit Berufsabschluss. Die Zahl der unqualifizierten Arbeitskräfte im Alter zwischen 25 und 64 Jahren ist seit 2017 von 3,76 auf 4,57 Millionen angestiegen; beinahe 14 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten haben keinen Berufsabschluss. Das bedeutet konkret: Wer ohne Abschluss bleibt, hat ein deutlich höheres Risiko, dauerhaft vom Arbeitsmarkt abgehängt zu werden.
Fehlende Abschlüsse verschärfen den Fachkräftemangel
Viertens: Der Fachkräftemangel.
2025 blieben über alle Berufe hinweg 54.000 Ausbildungsstellen unbesetzt und knapp 40.000 Bewerber unversorgt; der Fachkräftemangel geht vor allem auf die demografische Entwicklung zurück und kann nur teilweise durch Zuwanderung ausgeglichen werden. Sahra Wagenknecht vom BSW kommentierte: „Wenn 65.000 Schüler ohne Abschluss die Schule verlassen, dann ist das staatlich organisierter Fachkräftemangel!“ Die Lücke zwischen offenen Stellen und unqualifizierten Jugendlichen wird größer. Während Betriebe händeringend Auszubildende suchen, verlassen Zehntausende die Schule ohne die Mindestvoraussetzung für eine Ausbildung.
Wie sich der Anstieg stoppen lässt, ist noch unklar
Schluss:
Was bedeutet das für den Alltag? Für Familien, deren Kinder ohne Abschluss bleiben, beginnt ein Weg mit mehr Unsicherheit. In Regionen mit hohen Quoten wie Sachsen-Anhalt stellt sich die Frage, wie sich der Fachkräftemangel weiter entwickelt. Für Deutschland stellt sich die Frage, wie diese Jugendlichen erreicht werden können, bevor sie dauerhaft aus dem Arbeitsmarkt fallen. Welche Rolle spielen Förderschulen, nachholende Abschlüsse, Berufsorientierung? Und wie lässt sich der Trend umkehren, wenn gleichzeitig die demografische Entwicklung die Zahl der jungen Menschen schrumpfen lässt? Diese Fragen sind offen. Klar ist nur: Der Anstieg der Schulabgänger ohne Abschluss ist ein zentrales Problem der Transformation.
