60 Millionen Euro für eine KI, die zunächst nur an 60 Schulen zwei Monate lang Deutsch in Klasse 5 und Mathe in Klasse 6 testet. Die Ergebnisse von PISA 2025 zeigen sinkende Leistungen, Harald Wehnes vergleicht Microsofts Gratissoftware mit Drogen. Ob das Konsortium Assecor & KI macht Schule die Abhängigkeit von US-Konzernen verringert, entscheidet sich im echten Unterricht.
Warum startet ein KI-Lernsystem ausgerechnet jetzt an 60 Schulen in Deutschland? Die Antwort hat mit PISA-Ergebnissen zu tun, mit der Abhängigkeit von US-Konzernen und mit dem Willen, im echten Unterricht zu lernen, was funktioniert. Martin Traupe, Referatsleiter in der Hamburger Schulbehörde, sagt: „Wir erproben AIS bewusst schon während der Entwicklung im Schulalltag. Erst dort zeigt sich, ob die Funktionen und Inhalte Lehrkräfte und Lernende tatsächlich unterstützen. Ihre Erfahrungen sind entscheidend dafür, wie wir das System weiterentwickeln.“ Der Satz benennt den Kern des Projekts: Die 16 Bundesländer testen eine eigene KI-Lernumgebung nicht im Labor, sondern im echten Unterricht.
Was AIS ist und wie die Pilotphase abläuft
Um das zu verstehen, muss man drei Dinge wissen. Erstens, was AIS ist. Das Adaptive Intelligente System ist eine KI-gestützte Lehr- und Lernumgebung, die an rund 60 Schulen in ganz Deutschland erprobt wird. Ziel ist es, eine erste Version zu testen und zu sehen, wie sich die adaptiven Funktionen und die Bedienung im Schulalltag bewähren. Die ersten Bundesländer starten Ende September in die Pilotphase, die je Land zwei Monate dauert und spätestens Ende Dezember 2026 endet. Im AIS-Piloten steht erstes Lernmaterial in Deutsch für Klasse 5 und Mathematik für Klasse 6 zur Verfügung, also zwei Fächer, zwei Klassenstufen, ein überschaubarer Zeitraum.
PISA-Druck und der Wunsch nach Unabhängigkeit
Zweitens, warum jetzt. Die kürzlich veröffentlichten Ergebnisse von PISA 2025 verdeutlichen den bildungspolitischen Druck: In Deutschland fielen die Leistungen der 15-Jährigen in Mathematik und Lesekompetenz gegenüber 2022 ab. In den Naturwissenschaften zeigte sich ein großer Leistungsunterschied zwischen Jugendlichen aus den sozioökonomisch am stärksten benachteiligten und am stärksten begünstigten Gruppen. Gleichzeitig gibt es einen strategischen Grund: Die Länder wollen beim KI-Einsatz in Schulen nicht von großen Technologieunternehmen abhängig sein, sondern die Rahmenbedingungen und den Umgang mit Lerndaten selbst gestalten. Die gemeinsame Entwicklung soll die digitale Souveränität im Bildungsbereich stärken. Harald Wehnes von der Gesellschaft für Informatik beschreibt das Problem drastisch: Schüler und Studierende bekämen Microsoft-Software erst einmal „for free“, „quasi wie im Drogengeschäft“. Die Drogen gebe es erst mal umsonst, und dann hänge man dran und es sei sehr schwer, wieder rauszukommen.
Staatlich getragen, aber verzögert und umstritten
Drittens, was das für die digitale Souveränität deutscher Klassenzimmer bedeutet. Das Projektvolumen beträgt knapp 60 Millionen Euro, der Zuschlag geht an die Bietergemeinschaft „Assecor & KI macht Schule“, und bis Dezember 2026 soll eine erste Version für eine Klassenstufe, zwei Fächer und zwei Schulformen vorliegen. Die Projektförderung liegt beim Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie bei allen Bundesländern, federführend ist Hamburg, die Umsetzung übernimmt das FWU. Das Vorhaben ist staatlich getragen, und genau das kritisiert der EdTech-Verband: Deutsche und europäische EdTech-Unternehmen verlören durch die staatlich unterstützte Eigenentwicklung ihre wichtigste Referenz- und Skalierungsbasis. Soll der Staat selbst bauen oder private Anbieter stärken?
Dazu kommt eine Vorgeschichte mit Verzögerungen. Das Vorhaben wird mit 52 Millionen Euro über den DigitalPakt Schule finanziert, eigentlich sollte es bereits zum Sommer 2026 starten, doch ein Bieter hatte das Vergabeverfahren angefochten und Recht bekommen. Der Zeitplan war eng, und die Pilotphase ist ein Test unter realen Bedingungen.
Was der Pilot für Schulen bedeutet und offene Fragen
Was bedeutet das für den Alltag? Für Lehrkräfte und Schüler an den 60 Pilotschulen ändert sich in den nächsten zwei Monaten etwas Konkretes: Sie arbeiten mit einer KI, die nicht von einem US-Konzern kommt, sondern von einem Konsortium im Auftrag der Länder. Für alle anderen bleibt die Frage offen, ob dieses System tatsächlich besser fördert als bestehende Angebote und ob es die Abhängigkeit von großen Tech-Unternehmen verringern kann. Wird AIS nach der Pilotphase flächendeckend ausgerollt? Wie werden die Lerndaten geschützt? Und kann ein staatliches System mit der Innovationsgeschwindigkeit privater Anbieter mithalten?
