Krieg in der Ukraine – Kommentar 24.02.22 (10:00)
Mit der Invasion Russlands in zumindest Teile der Ukraine verändert sich das weltpolitische Bild. Ein Offensivangriff einer nuklearen Großmacht gegen ein freiheitliches, demokratisches Land schien in den vergangenen 20 Jahren undenkbar. Ohne historische Gefüge zu betrachten, möchte ich diese aufwühlende Nachricht in meine eigene Realität einordnen.
Einordnung:
Als im Jahr 2000 geborener Millennial war Krieg auf europäischen Boden für mich mehr als unrealistisch. Insbesondere in Betracht zweier anerkannter Staaten, einer davon eine Nuklearmacht. Dieser Tage hört man oft den Spruch „Zurückerinnert an den kalten Krieg“, aber diese Erinnerung bleibt mir aus. Unmittelbares politisches Geschehen belief sich, seit ich denken kann, lediglich auf Sanktionen, Drohungen und ungreifbaren Gesetzen. Kriege wurden woanders geführt. So schien es fast so, als würden junge Menschen in Europa Kriege oftmals belächeln. Als rückschrittlich, als Mittel alter Tage darstellen. Keine Generation hat so wenig Berührungspunkte zu internationalen kriegerischen Handlungen und gleichzeitig so viel Vertrauen in Demokratie und Diplomatie aufzuweisen. Nun ist es geschehen, Russland hat eine offensiv geführt Invasion in die Ukraine gestartet. Ein Land, das sich in den letzten Jahrzehnten demokratisch entwickelte, in Annäherung an die Nato und EU war. So ist es nicht nur ein Kampf gegen die Ukraine, sondern auch gegen freiheitliche, demokratische Werte.
Emotionen:
Die Nachrichten erreichen mich diesen Morgen gegen acht Uhr und gliedern sich zu nächst einmal neutral in die Reihung meines Tagesablaufes. Doch während ich mich im Bett weiter über die aktuelle Lage schlau mache, macht sich ein betäubendes, lähmendes Gefühl breit. Ich verstehe nicht, wie ich diese Informationen einzuordnen habe, was Krieg bedeutet und wo er hinführt. Ist das der Anfang eines weltweiten Konfliktes? Auch bei mir starb, wie bei vielen Politkern dieser Tage, die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung zuletzt. Beantwortet mit einem Schlag ins Gesicht seitens Putin. Der während einer Tagung des UN-Sicherheitsrates den Kriegszustand ausruft. Die Informationen auf meinem iPad prasseln nahezu auf mich ein, können aber nicht verarbeitet werden. Und so fassungslos wie ich persönlich bin, scheinen auch die Krisenreporter auf CNN, das Erste oder BBC zu sein. Allesamt geschult und mit Konflikten vertraut. Es ist weniger Wut, die sich gegen den Aggressor richtet, noch persönliche Angst. Vielmehr ist es Trauer und Fassungslosigkeit, die mich überkommt. Ein tiefes Mitgefühl für alle Bürger der Ukraine, die Krieg im eigenen Land erleben müssen, in Angst und Schrecken verharren. Aber auch für russische, belarussische Demokraten, die in ihren Hoffnungen zurückgeworfen werden. Ebenso Menschen in unmittelbar angrenzenden Ländern der UN Ostflanke, deren Angst vor der Macht Russlands größer wird. So erinnere ich mich an einen Satz Barack Obamas, der im ungefähren lautete: „Russland ist eine lokale Macht“. Dieser Eindruck spiegelt sich heute für mich nicht wider. Putin hat es geschafft, die gesamte Welt diplomatisch an der Nase herumzuführen, einen Krieg vorzubereiten und gleichzeitig völlig sinnbefreite Verhandlungen zu führen. Die Verwirrung sieht man in den Gesichtern der UN Sicherheitsräte. Und so ist es auch meine persönliche Fassungslosigkeit, die eben diesen tiefen Glauben und diplomatische an demokratische Lösungen erschüttert.
Verstehen:
Meine eigene kleine Welt hat sich verändert und alles Andere drumherum irgendwie auch. Der Einfluss von Freiheit, Demokratie und Diplomatie bröckelt. So aber nicht erst seit heute. Reflektiere ich die Geschehnisse der letzten Jahre, zeichnet sich ein Bild ab. Russland hat seine Verbindungen zur westlichen Welt immer weiter erkalten lassen, Vereinigungen mit Belarus und China geschlossen und so eine Art autoritäre Allianz gebildet. Und auch in unserer europäischen Mitte verändern sich Länder weg von unseren gemeinsamen Werten. Vielleicht ist es an der Zeit, als sorgenloser Millennial, Naivität aufzugeben und die rosa rote Sonnenbrille abzunehmen. Die Situation als Warnung, aber auch als Chance zu verstehen. Warnung, unsere Werte verteidigen zu müssen, in die Welt hinauszutragen, gerade im Hinblick auf die Aufgaben der nächsten fünfzig Jahre. Chance gemeinsam und geschlossen aufzutreten, uns wieder darauf zu besinnen, dass Europa eben nicht nur ein wirtschaftlicher Handelsraum ist, sondern eine Wertegemeinschaft. Diese so wichtig ist, auch wenn nicht immer bedingungslose Einigkeit herrscht. In Grundwerten stimmen wir überein. Und gerade der Schreck einer solchen autoritären, undemokratischen Aktion sollte uns zurück auf den Schutz, aber auch die Stärkung unserer gemeinsamen Werte besinnen.
