Wissenschaft wir müssen reden!
BWLer können nichts, Juristen sind Paragrafenscheißer und Germanistiker werden am Ende Taxi fahren. Es gibt viele Stereotypen, die Universitäten umgeben. Zu Forschern gibt es kaum. Universitäre Forschung ist als Berufsperspektive so unbekannt wie der Wörthsee. Anstellungsverhältnisse befristet, Aussichten prekär. Dabei bilden Nachwuchsforscher die Grundlage für Innovationen der Zukunft. Arbeiten dienen als Aushängeschilder der Uni. Während eine Mutter sich weniger Sorgen machen sollte, wenn ihr Kind ein Germanistiksudium ergreift, so ist die Karriere in einer wissenschaftlichen Anstellung ein echter Sumpf. Gearbeitet wird mit unsicherer Zukunft, feindseligem Arbeitsumfeld unter extremen Erfolgsdruck. Ach ja, die universitäre Forschung in Deutschland, so sind wir doch so stolz auf unsere Nachwuchstalente, die wir mit Füßen treten. Hey, Wissenschaft, wir müssen reden!
Es ist nämlich nicht die Bezahlung, an der es fehlt. Und der Erfolgsdruck, die Arbeitszeiten, die Befristung lassen wir auch beiseite. Es geht um Perspektiven. Wissenschaftliche Karrieren sind maßgeblich von Publikationen abhängig. So werden Doktorandenstellen, Lehrstühle, wissenschaftliche Mitarbeiten oft in Abhängigkeit von Veröffentlichungen vergeben. Sie sind abhängig von Journals. Journals, von Verlagen. Verlagen, von Verkaufszahlen. Verkaufszahlen von Publikationen. So schließt sich der Kreis. Es wird veröffentlicht, was gut lesbar, interessant, gewinnbringend ist. Möchte ich nach meinem Masterstudium weiter in der Forschung tätig sein, so bin ich teilweise von der Gunst der Verleger abhängig. Natürlich könnte man meinen, dass gute Forschung publiziert werden müsse, allerdings wird Studenten gar nicht unterrichtet, wie sie publizieren können. Ganz im Gegenteil, es scheint gar unerwünscht.
Man könnte argumentieren, dass die Arbeiten eines Studenten nicht qualitativ ausreichend sind. Aber spätestens seit der Replikationskrise sollten wir uns ernsthaft fragen, was qualitativ ausreichend ist. Tatsächlich sind Studierende bereits sensibilisiert, haben neue statistische Methoden von der Pike auf gelernt und könnten zumindest akribisch forschen. Insbesondere unter Anleitung und Aufsicht eines Professors werden hier exzellente Ergebnisse erzielt. Die Wahrheit ist, dass nur wenige studentische Arbeiten in Journals veröffentlicht werden. In erster Linie ist das kein Problem. Beim zweiten Blick wird der Zugang in einen eigentlich fördernswerten Berufszweig unnötig erschwert. Es ist ja nicht gerade so, dass es sonst sonderlich attraktiv ist, an einer Uni angestellt zu sein. Wenn man denn das große Glück hat, gemeinsam mit einem Professor veröffentlichen zu dürfen oder den Ehrgeiz besitzt, im eigenen Interesse z. B. seine Bachelorarbeit an den Mann zu bringen, so hat man es geschafft. Aber wehe, der score of interest ist gering. Also wirklich, das kann man doch nur belächeln. Und das wird man tatsächlich nicht nur als junger Forscher, sondern auch als alter Hase. Denn der Erfolgsdruck ist immens. Konkurrenzkämpfe um die meisten, best-platzziertesten Artikel sind brutal. Und leider ist es so, dass sich dieses Ellenbogenverhalten nicht nur unter tatsächlichen Konkurrenten zeigt, sondern auch Nachwuchs gegenüber. Belächelt, belehrt, ignoriert. So ist die Fluktuation hoch, Karrieren werden wenige gemacht und oft werden wissenschaftliche Mitarbeiten lediglich als Sprungbrett in die Wirtschaft genutzt.
Die Problematik wurzelt auf einem veraltetem krankem System, welches aus Eitelkeit, Prestige und Konkurrent besteht. Während sich die Wissenschaft auf qualitativ gute Forschung konzentrieren sollte, auf Wissenschaft-Praxis-Transfer, verliert sie sich in Selbstverliebtheit.
Was kann ich als Einzelner dagegen tue? Ich kann das System ignorieren. Im Preprint veröffentlichen oder meine eigenen Kommunikationswege suchen. Tatsächlich gibt es hier verschiedene Bewegungen, die sich gegen das Doktrin wehren. Ein prominentes Beispiel ist der DJ und Biologe Dominik Eulenberg. Lange von der Wissenschaft belächelt, hat er seinen eigenen Weg gefunden. Und er wurde dafür belohnt. Just für seine Forschung zum Wissensbuch des Jahres ausgezeichnet, plötzlich schlagen sich alle um ihn. Aber eins hatte er schon lange, Aufmerksamkeit. Während namhafte Forscher sich mit ein paar wenig tausenden Lesern herumschlagen, konnte er auch ohne das amen der Universitäten Massenwirksamkeit erzeugen. Forschung ist wenig wert, wenn sie nicht bei den Menschen ankommt. Hier ist etwas angekommen auf eine angeblich unkonventionelle Art und Weise, dennoch ist es Wissen. Wer weiß, wie viele Talente da draußen stecken, die verloren gegangen sind, in Nachtkästen schlummern. Ich möchte gar nicht allzu lange auf ein bewährtes System rumhacken, ich möchte vielmehr für die Schwächen dieses sensibilisieren. Bestimmt gibt es Argumente, die das altbewährte unterstützen. Andererseits gibt es aber auch Probleme, die damit einhergehen. Und diese treffen Nachwuchsforscher besonders hart. Es fehlt an einer Lobby. An Zugangschancen. Nachwuchsförderung. Andererseits geht es aber ebenso darum, universitäre Forschung ins 21. Jahrhundert zu transformieren. In Zeiten des Internets, Social Media. Wir sollten uns bewusst werden, dass wir mit allen möglichen Informationsströmen konkurrieren. Es muss ein Weg gefunden werden, gleichzeitig Qualität zu wahren, junge Menschen für Forschung zu begeistern, aber auch Ergebnisse massenwirksam zu berichten.
