Wer ist es und wenn ja, was bin ich? – Das Bewusstsein
Die ganze Welt spielt verrückt, seitdem OpenAI ChatGPT frei zugänglich gemacht hat. Studenten freuen sich darüber, nie mehr Hausarbeiten schreiben zu müssen, motivierende selfmade Entrepreneurs feiern die neuesten Geschäftsfelder, die Gesellschaft macht sich über die Bedeutung hoch entwickelter künstlicher Intelligenzen Gedanken, der Marktwert von OpenAI geht durch die Decke. Aber wie entwickeln sich künstliche Intelligenzen, wenn man sie mit Milliarden von Datensets füttert und stetig verbessert? Wissen wir, wo die Reise hingeht oder gehen wir nach einem Trial-and-Error Prinzip vor? Gibt es Lösungen für mögliche Problemstellungen?
Während nahezu stündlich neue KI gestützte Anwendungen wie Pilze aus dem Boden schießen, bleiben Metafragen rudimentär beantwortet. Im Projekt „Wer ist es und wenn ja, was bin ich?“ versuche ich der Frage auf dem Grund zu gehen, ob hoch trainierte künstliche Intelligenzen eine Art Selbst oder Bewusstsein entwickeln können.
Um diesen Artikel zu verstehen, ist Grundlagenwissen zu Natural Language Processing Models erforderlich. Eine kurze Einführung in die wichtigsten Basics und gängigen Herausforderungen bietet der folgende Artikel.
Während die Entwicklung künstlicher Intelligenzen stetig voranschreitet und erste Anwendungen auch immer aktiver und bewusster in unseren Alltag integriert werden, steigen KI-Experten auf die Bremse. Auch große Techunternehmer und Ihre bekanntesten Repräsentanten warnen von einer unkontrollierbaren Entwicklung künstlicher Intelligenzen. Eine Angst, die in uns Menschen nicht erst seit dem Zeitalter der Technologie begleitet. Vielmehr ist die Skepsis gegenüber Wandel in uns verankert. Bereits bei der Industrialisierung oder der Automobilisierung unserer Gesellschaft machten sich Existenzängste breit, ersetzt zu werden, die nicht bewahrheitet werden konnten. Diese Angst spiegelt sich auch heute wider und ist in unserer Gesellschaft unter anderem mit Dystopien in Verbindung mit Robotik zu bringen. Diese könnten uns schaden, beeinflussen, steuern oder gar die Weltherrschaft übernehmen. Obwohl diese stark durch Science Fiction geprägten Vorstellungen faktisch unrealistisch sind, bedingt die Automatisierung durch KI sehr wohl einen tiefgreifenden strukturellen Wandel, der reelle Gefahren mit sich bringt. Zum Beispiel die Automatisierung geistiger und physischer Routinearbeit, Datenschutz, aber auch die Verletzung von Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens oder der Gleichwertigkeit ein jedes Menschen. Nebeneffekte einer sich vollziehenden Transformation, die Lösungsansätze bedarf und fordert, aber kalkulierbar und lösbar ist. So kann KI z.b. durch Debiasing gesellschaftsförderlich entwickelt werden, unterm Strich womöglich mehr Arbeitsplätze schaffen. Zumindest laut aktueller Studien ohnehin nur prozentual kleine Anteile an Arbeit vollständig automatisieren. Hier kommt es auf unsere Implementierung der Technologie, unsere Entwicklung und unsere Benutzung an.
Im Gegensatz zu diesen greifbaren und kontrollierbaren Problemen zeichnet sich immer weiter das Bild ab, dass es auch Phänomene gibt, die sich unserem eigenen Wissensstand entziehen könnten, die Forscher vor einem Rätsel stehen lässt. Auch Elon Musk scheint diese Sorge umzutreiben, denn er warnt schon seit Beginn seiner Karriere vor zu stark werdender KI. Vereinfacht gesagt bürgt das sich rapide entwickelnde, sich selbst verbessernde System das Potenzial, sich zu verselbstständigen. Sprich neue Dinge zu erlernen, die wir nicht mehr nachvollziehen und kontrollieren können. Hier ist die Idee einer technologischen Singularität zu nennen, die zu einem Supercomputer führen würde. Sprich ein System, welches sich selber verbessert und entwickeln kann. Beispielhaft Roboter, die sich selber bauen, entwickeln und warten, sodass durch eine technologische Lösung, alle Probleme redundant werden lässt und den Mensch als vorherrschender Bewohner der Erde in den Hintergrund rückt. Potenzielle Gefahrenpunkte sind hier vor allem die schnelle und sprunghafte Entwicklung von KI, die sich ohne Kontrolle der Entwickler vollziehen könnte. Diese Prozesse bieten womöglich Angriffspunkte, tiefgreifenden Schaden in Infrastruktur und Gesellschaft zu verursachen, ganz ohne böse Intentionen, auch wenn sie nur teilweise und unkontrolliert ablaufen. Sei es dadurch, dass die Akzeptanz der Menschen gegenüber KI zu Schaden kommt und somit der Weg für zukünftige reibungslos funktionierende Neuerungen erschwert wird. Oder mit hohen Kosten verbundene entwickelte Maschinen aufwendig korrigiert oder gar vernichtet werden müssen, da sich diese irreparabel ungewollt entwickelt haben. Ein Grund, warum große Innovationstreiber wie OpenAI und Microsoft für eine Pause und für eine Retroperspektive auf die bisherige Entwicklung plädieren. Einerseits zur Anpassung der Gesellschaft, andererseits zur Kontrolle und Paraphrasierung bisheriger Errungenschaften.
Auf einer Metaebene starker KI spielt häufig die Idee mit, dass eine Maschine unter Umstände eigene Emotionen, Wünsche, Ziele entwickeln könnte. Sprich ein Bewusstsein besitzt. Diese Vorstellung geht einerseits mit gesellschaftsfähigen Mythen und Ängsten einher, andererseits auch mit der Gefahr einer technologischen Singularität und vereint sich interessanterweise in dem Fakt, dass sowohl für den Ottonormalverbraucher, als auch für den KI-Forscher diese Frage größtenteils unbeantwortet bleibt.
Das Bewusstsein in der Philosophie
Die Philosophie ist die älteste Geisteswissenschaft, die sich mit der Entstehung des Bewusstseins auseinandersetzt. Das Bewusstsein stellt hier ein kontrovers diskutiertes Thema dar. Es existieren unterschiedliche Auffassungen darüber, was es ist und wie es entstehen kann. Möglicherweise kann eine Skizzierungen der verschiedenen Gedankenströme aus der Philosophie dabei helfen herauszufinden, ob hochkomplexe Maschinen ein Bewusstsein entwickeln können.
Immanuel Kant betrachtete Bewusstsein als eine subjektive Erfahrung, die durch die Struktur des menschlichen Verstandes bestimmt wird. Er argumentierte, dass das Bewusstsein durch die Kategorien des Verstandes organisiert wird und die Welt auf eine bestimmte Weise wahrnimmt. Daniel Dennett hingegen argumentierte, dass Bewusstsein ein emergentes Phänomen ist, das aus den Prozessen im Gehirn entsteht. Er betrachtete Bewusstsein als eine Art Simulation der Welt durch das Gehirn. René Descartes glaubte, dass das Gehirn als oberste Instanz den Körper steuert. Er vertrat die Theorie von Leib und Seele als getrennten Einheiten und erkannte, dass der menschliche Körper vom Gehirn gesteuert wird. Manche Betrachtungsweisen definieren demnach das Bewusstsein als Eigenschaft des Gehirns und Körpers, während andere von einer eigenständigen Entität ausgehen. Es bleibt zusätzlich umstritten, ob auch primitivere Lebensformen ein Bewusstsein haben. In der alten griechischen Philosophie argumentierten Platon und Aristoteles dafür, dass Tiere ein Bewusstsein besitzen. Andere Philosophen wie Epikur und die Stoiker waren dagegen der Ansicht, dass Tiere lediglich automatisch auf ihre Umwelt reagieren, ohne ein Bewusstsein zu besitzen.
Moderne kognitionswissenschaftliche und neurowissenschaftliche Philosophen sind der Ansicht, dass Bewusstsein durch eine Informationsverarbeitung im Gehirn entsteht. Es wird als ein komplexes und dynamisches Netzwerk neuronaler Prozesse betrachtet, das sich aus Wahrnehmungen und Gedanken zusammensetzt. Die Fähigkeit, Wahrnehmungen, Gedanken und Emotionen zu erleben und sie als Zustände des Selbst oder der Umwelt zu begreifen und zu verstehen, scheint grundlegend für das Erreichen eines Bewusstseins zu sein. David Chalmers dagegen entwickelte die Idee des „hard problem of consciousness“, wonach die Natur des Bewusstseins nicht allein durch die Erklärung neuronaler Prozesse im Gehirn erklärt werden kann. Er argumentiert, dass es einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Bestehen von Bewusstsein und dem Bestehen neuronaler Prozesse gibt.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Philosophie keine abschließende Definition oder Herangehensweise liefern kann, die ein Bewusstsein innerhalb hochkomplexer Systeme beweisen oder widerlegen kann. Insgesamt lässt sich das Bewusstsein jedoch anhand dreier Schlagwörter skizzieren: Informationsaufnahme, Informationsverarbeitung und Prozesse auf einer Metaebene.
Das Bewusstsein in der Psychologie
Auch die Psychologie setzt sich seit geraumer Zeit mit dem Bewusstsein auseinander. Insbesondere die genannten Schlagwörter referieren auf das Wahrnehmen, Erleben und Verhalten von Individuen. Mit einer empirisch basierten Herangehensweise versucht diese wissenschaftliche Disziplin Phänomene nicht nur theoretisch sichtbar, sondern auch beweisbar und messbar zu machen. Im Laufe der Jahrzehnte haben sich auch in der psychologie unterschiedliche Forschungsströme entwickelt, die eine differente Auffassung vom Bewusstsein aufweisen.
Phänomenologischer Ansatz: Der phänomenologische Ansatz betrachtet Bewusstsein als die subjektive Erfahrung des Individuums. Hierbei liegt der Fokus auf dem qualitativen Aspekt, insbesondere der Wahrnehmung von Farben, Klängen und anderen Sinneseindrücken. Dieser Ansatz betont die Einzigartigkeit und individuelle Beschaffenheit der Bewusstseinserfahrung.
Funktionaler Ansatz: Der funktionale Ansatz betrachtet Bewusstsein als eine Fähigkeit oder Funktion, die es dem Individuum ermöglicht, sich selbst und die Umwelt wahrzunehmen und zu verstehen. Bewusstsein wird hier als eine Art kognitive Kapazität betrachtet, die es ermöglicht, Informationen zu verarbeiten und Sinnzusammenhänge herzustellen. Diese Betrachtungsweise legt den Fokus auf die funktionalen Aspekte des Bewusstseins.
Kognitive Psychologie: Die kognitive Psychologie betrachtet Bewusstsein als einen zentralen Prozess der Informationsverarbeitung im Gehirn. Hierbei spielen Wahrnehmung, Denken und Erinnerung eine entscheidende Rolle. Es wird davon ausgegangen, dass ein Großteil der alltäglichen Informationsverarbeitung unbewusst abläuft, während das Bewusstsein bei komplexeren kognitiven Aufgaben wie fokaler Aufmerksamkeit und kontrolliertem Denken zum Einsatz kommt. Diese Perspektive betont die Funktion des Bewusstseins im Prozess der menschlichen Informationsverarbeitung.
Neurobiologische Ansichten: Der neurobiologische Ansatz betrachtet Bewusstsein als eine Eigenschaft des Gehirns. Psychologinnen und Psychologen, die diesen Ansatz verfolgen, untersuchen die neuronalen Prozesse, die für das Bewusstsein verantwortlich sind. Durch die Untersuchung von Hirnregionen und -aktivitäten versuchen sie, die Grundlagen des Bewusstseins auf biologischer Ebene zu verstehen. Dieser Ansatz betont die enge Verknüpfung zwischen Bewusstsein und neurobiologischen Prozessen.
In der Ergründung des Bewusstseins durch die Psychologie bei Tieren gibt es unterschiedliche Ansichten. Einige argumentieren, dass die Unzugänglichkeit des Bewusstseins und das Fehlen von Sprache es unmöglich machen, das Vorhandensein von Bewusstsein bei Tieren schlüssig nachzuweisen. Allerdings werden dabei zuverlässige, sprachunabhängige Hinweise auf das Vorhandensein von Bewusstseinszuständen bei Tieren übersehen. Menschenaffen zeigen kognitive Fähigkeiten, die normalerweise mit bewusstem Denken in Verbindung gebracht werden, wie beispielsweise Selbsterkennung im Spiegel, komplexe Manipulationen, Problemlösungen und das Planen von Handlungsketten. Sie nutzen dabei ähnliche Hirnstrukturen wie Menschen, insbesondere den präfrontalen Cortex. Diese Fähigkeiten sind eng mit einer großen und anatomisch komplexen Großhirnrinde mit hoher Nervenzelldichte verbunden, wie sie bei Menschenaffen vorhanden ist. Es ist daher gerechtfertigt, bestimmte Formen menschlichen Bewusstseins den Menschenaffen zuzuschreiben. Es ist jedoch anzumerken, dass menschliches Bewusstsein stark von Sprache geprägt ist. Interessanterweise entwickeln sich bei Kindern typisch menschliche Bewusstseinsformen wie das selbstreflexive Bewusstsein parallel zur Entwicklung der Sprache.
Somit ist festzuhalten, dass auch in der Psychologie das Bewusstsein durch verschiedene Prozesse definiert ist. Die verschiedenen Theorien zeigen auch hier, dass eine einheitliche Definition des Bewusstseins kompliziert ist und einer multidimensionalen Sichtweise bedarf. Wiederum treten die bereits definierten Schlagwörter in den Vordergrund, während in der empirischen Psychologie vor allem die Informationsaufnahme und Verarbeitung untersucht wird. Auch in der Psychologie wird ein besonderes Hauptaugenmerk auf die Informationsaufnahme und Verarbeitung gelegt, insbesondere in einem neurokognitivem Blickwinkel. Zudem werden wiederum höherliegende kognitive Prozesse wie das Ich und Selbst angesprochen. Diese Prozesse können womöglich vornehmlich durch die Hilfe von neurobiologischer Prozesse messbar gemacht werden. Hinweise deuten darauf, dass dies nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Tieren möglich ist.
Die empirische Bewusstseinsforschung
Um die Frage nach einem Bewusstsein bei Maschinen beantworten zu können, scheint demnach die empirische Bewusstseinsforschung besonders hilfreich zu sein, da diese anhand Ansätzen aus der neuropsychologie biologische Prozesse messbar macht. Die empirische Bewusstseinsforschung befasst sich mit der Untersuchung von Bewusstseinsphänomenen anhand objektiv zugänglicher Aspekte. Sie basiert auf drei grundlegenden Annahmen des Bewusstseins, die beim Menschen beobachtet werden können.
Sprachliche Berichtbarkeit: Das Bewusstsein beinhaltet die Fähigkeit, über das eigene Erleben sprachlich zu berichten. Individuen können ihre Erfahrungen verbal ausdrücken und kommunizieren. Die empirische Bewusstseinsforschung nutzt diese sprachliche Berichtbarkeit als einen Anhaltspunkt für das Verständnis von Bewusstseinszuständen.
Beobachtbare Verhaltensleistungen: Unterschiedliche Bewusstseinszustände können anhand von beobachtbaren Verhaltensweisen erkannt werden. Verschiedene Zustände des Bewusstseins können sich in den Handlungen und Reaktionen eines Individuums manifestieren. Die empirische Bewusstseinsforschung nutzt diese Verhaltensleistungen, um Rückschlüsse auf den aktuellen Bewusstseinszustand einer Person zu ziehen.
Störungen und Hirnfunktionen: Störungen in den Hirnfunktionen können zu charakteristischen Störungen in kognitiven, emotionalen und motorischen Leistungen führen. Die empirische Bewusstseinsforschung untersucht diese Zusammenhänge, um das Verständnis für die Beziehung zwischen Hirnfunktionen und Bewusstseinsphänomenen zu vertiefen.
Um diese Aspekte des Bewusstseins zu erforschen, hat die empirische Bewusstseinsforschung verschiedene Methoden entwickelt. Dazu gehören die Verfeinerung kognitionspsychologischer und neuropsychologischer Testverfahren sowie die Nutzung moderner Bildgebungstechniken wie der Positronenemissionstomographie (PET), der Kernspinresonanztomographie (fMRI) und der Magnetenzephalographie (MEG). Diese bildgebenden Techniken ermöglichen es Forschern, die Aktivität des intakten menschlichen Gehirns mit hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung zu erfassen und somit direkte Einblicke in die neuronalen Grundlagen des Bewusstseins zu gewinnen.
