Die große Wette auf den Subkontinent

Warum das Handelsabkommen mit Indien wichtig ist – und warum Vertrauen gefährlich wäre

Wir schreiben das Jahr 2026, genauer gesagt den 28. Januar. In Neu-Delhi herrschen milde 22 Grad, als Ursula von der Leyen das größte Handelsabkommen unterschreibt, das die Europäische Union jemals abgeschlossen hat. Während in Europa die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen, wird auf dem Subkontinent ein wirtschaftspolitisches Feuer entfacht, das Europa wärmen soll. Zumindest ist das die Hoffnung. In den Charts der wirtschaftspolitischen Erwartungen steht Indien ganz oben. Die bevölkerungsreichste Nation der Welt. Der letzte große unerschlossene Binnenmarkt. Das demokratische Gegengewicht zu China. Die Zukunft des globalen Handels, so heißt es. Doch halt. Was ist dieses Indien eigentlich, jenseits der Powerpoint-Folien und der diplomatischen Pressekonferenzen? Jenseits der 180 Milliarden Euro Handelsvolumen und der 90 Prozent gesenkten Zölle?

Die Zahlen klingen verführerisch. Vier Milliarden Euro jährlich an eingesparten Abgaben für europäische Exporteure. Eine erwartete Verdopplung der EU-Ausfuhren. Zölle auf Wein, die von 150 auf 20 Prozent fallen. Fast 800.000 Arbeitsplätze in Europa, die bereits heute vom Handel mit Indien abhängen. Die Winzer in Rheinland-Pfalz sollen aufatmen, die Medtech-Startups in Baden-Württemberg expandieren, die Optikunternehmen in Thüringen neue Märkte erschließen.

Europa positioniert sich. Nicht als Zuschauer einer zersplitternden Weltordnung, sondern als Gestalter. Resilienz im Inneren, Offenheit nach außen. So lautet das Mantra. Während die USA unter Trump Zollmauern errichten und China sich zunehmend abschottet, geht Europa einen anderen Weg. Diversifikation statt Isolation. Indien als strategischer Partner, als demokratisches Bollwerk gegen den autoritären Aufstieg Pekings.

Soweit die Erzählung.

Manch einer würde mich als Spielverderber bezeichnen. Als jemand, der nicht an das Gute glauben will. Doch wer die Geschichte wirtschaftlicher Aufstiege betrachtet, weiß: Erzählungen ersetzen keine Analyse. Und die Analyse Indiens ist komplizierter, als es die Feierlichkeiten in Neu-Delhi vermuten lassen.

Beginnen wir mit einer Zahl, die in keiner Pressemitteilung auftaucht: 250 Millionen. So viele Menschen leben in Indien geschätzt unterhalb der Armutsgrenze. Das sind mehr Menschen, als Deutschland, Frankreich und Italien zusammen Einwohner haben. In absoluten Zahlen. In einem Land, das zur globalen Wirtschaftsmacht aufsteigen soll. Demnach ist Indien nicht China der frühen 2000er Jahre. Als das Reich der Mitte der Welthandelsorganisation beitrat, hatte es bereits Jahrzehnte systematischer Bildungspolitik, Infrastrukturinvestitionen und industrieller Transformation hinter sich. China war arm, aber vorbereitet. Indien hingegen trägt die Last struktureller Defizite, die sich nicht durch Freihandelsabkommen beheben lassen.

Im Humankapital ist Bildung der Rohstoff moderner Volkswirtschaften. Wer Wachstum will, braucht Menschen, die lesen, schreiben, rechnen und problemlösen können. Hier offenbart sich eine der tiefsten Wunden des Subkontinents. Indien gibt etwa drei Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus. Für ein Land mit einer derart jungen Bevölkerung wären mindestens sechs Prozent notwendig, so der internationale Konsens. Die Konsequenzen dieser chronischen Unterfinanzierung sind verheerend. Nur etwa 15 Prozent der indischen Kinder können am Ende ihrer Schulzeit flüssig lesen und schreiben. Zum Vergleich: In China sind es heute etwa 85 Prozent. Schülerinnen und Schüler in Indien lernen nicht ausreichend Mathematik, nicht analytisches Denken, nicht die Grundlagen, die eine moderne Wissensökonomie verlangt. Das Bildungssystem reproduziert Ungleichheit, statt sie zu überwinden. Wer aufsteigt, stammt häufig aus bereits privilegierten Kasten und wird an den Elite-Universitäten in Bangalore oder Delhi ausgebildet. Die breite Masse bleibt zurück. Warum uns das im ersten Sinne nicht auffällt, ist die schiere Größe des Landes, sowohl geografisch als auch in seiner Bevölkerung. So beschreiben die oberen zehn Prozent, die gute Bildung genießen, bereits eine Population von Deutschland und Frankreich zusammen. Diese ist aber in ihrer Demographie deutlich jünger und arbeitskräftiger. In der nur knapp existierenden Mittelschicht finanzieren rund 90 Prozent der indischen Studierenden ihre Ausbildung privat, oft über Kredite. Sie verschulden sich für eine Qualifikation, die eher dem Niveau eines europäischen Abiturs entspricht als einer akademischen Spitzenausbildung. Und dann fehlen die Jobs, um diese Investition zu amortisieren. Vermögensumschichtung findet statt, aber keine breite Wertschöpfung.

Die demografische Dividende, die keine ist

„Die Zukunft gehört der Jugend“, heißt es. Indien hat die jüngste Bevölkerung unter den großen Volkswirtschaften. Hunderte Millionen Menschen drängen in den Arbeitsmarkt, im fünf-Jahres-Turnaround. Das klingt nach Potenzial, nach Energie, nach Wachstum. Doch eine junge Bevölkerung ist nur dann ein Vorteil, wenn sie Arbeit findet. Und genau hier liegt das Problem. Indien schafft nicht genügend Arbeitsplätze für seine Jugend. Die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen ist hoch, die Beschäftigungsquote von Frauen liegt bei erschreckenden 13 Prozent, abzüglich der unbezahlten Kehrarbeit, die in Statistiken oft mitgezählt wird. In einem Land, das zur globalen Wirtschaftsmacht aufsteigen will, arbeitet nur gut jede zehnte Frau in einem formellen Beschäftigungsverhältnis. Die demografischen Dividende können sich schnell in eine demografische Bürde verwandeln. Eine junge Gesellschaft ohne Perspektiven ist kein Wachstumsmotor. Sie ist ein politisches Pulverfass. Besonders in einem Land, das ohnehin von tiefen Bruchlinien durchzogen ist.

Europa spricht gerne von Indien als der größten Demokratie der Welt. Das stimmt, formal betrachtet. Doch diese Demokratie operiert auf einem gesellschaftlichen Fundament, das soziale Mobilität systematisch begrenzt. Das Kastensystem ist offiziell abgeschafft, faktisch jedoch weiterhin wirksam. Es bestimmt Bildungschancen, Heiratsmärkte, berufliche Netzwerke und gesellschaftliches Ansehen. Wer in eine niedrige Kaste geboren wird, hat statistisch gesehen deutlich schlechtere Chancen auf Bildung, Beschäftigung und sozialen Aufstieg.

Die Folge ist eine Ungleichheit, die selbst für globale Verhältnisse extrem ausfällt. Indien gehört heute zu den Ländern mit der höchsten Einkommensungleichheit weltweit. Höher als Brasilien. Höher als die USA. Das Wachstum der vergangenen Jahre konzentrierte sich stark auf die oberen zehn Prozent der Bevölkerung. Es reicht nicht aus, um breite Beschäftigung zu schaffen. Es reicht nicht aus, um eine stabile Mittelschicht zu tragen. Der wirtschaftliche Aufstieg Indiens ist extrem ungleich verteilt. Die sichtbaren Erfolge entstehen in urbanen Zentren wie Bangalore, Mumbai oder Neu-Delhi. Dort sitzen die IT-Konzerne, dort entstehen die Technologiecluster, dort wird über Innovation gesprochen. Doch jenseits dieser Inseln ist das Bild ein anderes. Arbeitslosigkeit, schlechte Ausbildung, blockierte soziale Strukturen und geringe Perspektiven prägen große Teile des Landes.

Made in India – für Indien?

Die indische Wirtschaftspolitik setzt auf nationale Stärke. „Made in India“ und „India First“ sind die zentralen Narrative. Sie sollen Selbstbewusstsein demonstrieren und ausländische Investitionen anlocken. Doch sie bergen auch Gefahren. Anders als China verfügt Indien bislang über kaum globale Alleinstellungsmerkmale in der industriellen Innovation. Das Land produziert, aber selten Einzigartiges. Der Fokus auf den Binnenmarkt kann kurzfristig stabilisieren, langfristig jedoch internationale Wettbewerbsfähigkeit schwächen. Die Gefahr besteht, Produktion nicht in eigene Innovation zu lenken, sondern in protektionistische Abschottung.

Gleichzeitig bleibt Indien stark abhängig von China. Bei Primärprodukten, bei Vorleistungen, bei günstigen Industriegütern. Der politische Ton gegenüber Peking ist hart, Importblockaden sollen die Abhängigkeit reduzieren. Doch viele ausländische Unternehmen berichten, dass indische Zulieferprodukte qualitativ nicht mithalten können. Die Folge ist ein Schuss ins eigene Bein. Produktionsverlagerungen bleiben aus oder scheitern. Bislang ist es im Wesentlichen Apple, das signifikante Produktionskapazitäten nach Indien verlagert hat. Gemessen an den globalen Investitionsströmen ist das wenig. Sehr wenig. Trotz aller Rhetorik von Technologieführerschaft und Innovationsstandort bleibt die Umsetzung überschaubar.

Indien inszeniert sich gerne als Startup-Nation. Tausend Unicorns, so lautet das Versprechen. Forschung und Entwicklung an den besten Universitäten. Eine florierende Tech-Szene, die mit dem Silicon Valley konkurriert. Doch die Realität bleibt dahinter zurück. Es gibt punktuelle Erfolge, keine Frage. Aber keine global florierende Startup-Szene, die über Nischen hinaus skaliert. Die Forschungsausgaben sind gering, die Verbindung zwischen Universitäten und Industrie schwach, die Kommerzialisierung von Innovation schleppend. „Wir sind die Besten“ ist ein Narrativ, das gut klingt, aber keine Substanz ersetzt. Visionen sind oft das bevorzugte Instrument autokratischer Systeme, um strukturelle Schwächen zu überdecken. Modi ist kein Autokrat im klassischen Sinne, aber die Tendenz zur selbstreferenziellen Überhöhung ist erkennbar.

Indien ist kein homogener Nationalstaat. Es ist ein Subkontinent aus hunderten von Sprachen, Ethnien, Religionen und Kulturen. Es gibt keine gemeinsame Sprache, die alle Inder verbindet. Hindi wird im Norden gesprochen, im Süden stößt es auf Widerstand. Englisch ist die Sprache der Elite, nicht der Massen. Es gibt keine gemeinsame kulturelle Identität im europäischen Sinne. Keine integrierenden nationalen Narrative, die über religiöse und ethnische Grenzen hinweg tragen. Die Politik Modis hat diese Fragmentierung eher verstärkt als überbrückt, durch hindu-nationalistische Rhetorik, die Minderheiten ausgrenzt.

Ein Land ohne inneren Zusammenhalt kann wirtschaftlich wachsen. Aber es wächst auf wackeligem Fundament. Politische Instabilität, soziale Spannungen, regionale Konflikte können Fortschritte schnell zunichtemachen. Insbesondare dann, wenn der wirtschaftliche Aufstieg und die formierung einer Nation nicht auf tatsächlichen Fortschritten sondern Propaganda beruht.

Das Gesundheitssystem und die Infrastruktur

Wirtschaftlicher Aufstieg braucht gesunde Arbeitskräfte. Doch das indische Gesundheitssystem gehört zu den schwächsten unter den aufstrebenden Volkswirtschaften. Die öffentliche Gesundheitsversorgung ist chronisch unterfinanziert, überlastet und für große Teile der Bevölkerung unzugänglich. Wer krank wird, muss privat bezahlen oder leidet ohne adäquate Versorgung. Die Pandemie hat diese Schwächen schonungslos offengelegt. Sauerstoffmangel, überfüllte Krankenhäuser, zusammenbrechende Versorgungsketten. Indien wurde zum Symbol eines Gesundheitssystems, das dem Druck nicht standhielt. Für eine aufstrebende Wirtschaftsmacht ist das ein fundamentales Problem, denn es kann sein Humankapital nicht in Arbeitfähigkeit versorgen. Zudem sind basische medizinische Versorgungen und Statistiken immer eine guter Kennwert für baldingen wirtschaftlichen Aufstieg.

Der Traum von Indiens Aufstieg basiert auf einer einfachen Annahme, die hier zum Fall kommt: Eine wachsende Mittelschicht wird konsumieren. Sie wird europäische Autos kaufen, französischen Wein trinken, deutsche Maschinen importieren. Die Wirtschaft explodiert, wenn die Mittelschicht erwacht. Doch dieser Traum hat ein Problem. Das Wachstum kommt bei der Mittelschicht nicht an. Trotz beeindruckender BIP-Zahlen stagnieren die Einkommen der breiten Bevölkerung. Die Konsumentenbasis, auf die Europa setzt, existiert bisher mehr in Prognosen als in Realität. Der indische Mittelstand ist zudem nicht daran gewöhnt, auf eigenen Beinen zu stehen. Unternehmertum entsteht häufig in Abhängigkeit von staatlicher Förderung, politischen Netzwerken oder familiären Strukturen. Eine breite Kultur des Anpackens, des Risikos, des Scheiterns und Wiederaufstehens ist weniger ausgeprägt als in anderen aufstrebenden Volkswirtschaften. Die Dynamik, die China in den 1990er und 2000er Jahren antrieb, fehlt bislang.

Infrastrukturprogramme werden oft als Lösung präsentiert. Straßen, Häfen, Eisenbahnen, Kraftwerke. Physische Infrastruktur ist wichtig, keine Frage. Aber sie ersetzt weder Humankapital noch soziale Infrastruktur. Eine Autobahn nützt wenig, wenn die Menschen, die sie befahren sollen, nicht lesen können. Ein Containerhafen ist wertlos, wenn die Unternehmen, die ihn nutzen sollen, keine qualifizierten Arbeitskräfte finden. Die Geschichte erzählt gerne von Übermut statt Lernen. Von großen Visionen, die an kleinen Realitäten scheitern. Indien läuft Gefahr, diese Geschichte zu wiederholen.

Wer in Indien Geschäfte machen will, braucht Geduld. Und Nerven. Und manchmal auch fragwürdige Beziehungen. Die Bürokratie ist legendär. Genehmigungsverfahren dauern Jahre, Formulare stapeln sich in Ministerien, Zuständigkeiten sind unklar und wechseln häufig. Für europäische Unternehmen, die schnelle Entscheidungen und klare Regeln gewohnt sind, ist das indische System ein Kulturschock. Man könnte sagen, Indien ist das bessere Deutschland, das wir abschaffen möchten, da es zu langsam ist.

Dazu kommt Korruption. Sie ist nicht überall gleich stark, aber sie ist allgegenwärtig. Von kleinen Schmiergeldern für schnellere Bearbeitung bis hin zu großen Skandalen auf höchster Ebene. Transparency International listet Indien regelmäßig im Mittelfeld seines Korruptionsindex. Für eine aufstrebende Wirtschaftsmacht ist das kein Ruhmesblatt. Hohe Zölle, komplexe Steuerregeln, unklare Rechtslage bei Streitigkeiten, all das macht Indien zu einem schwierigen Markt. Das Handelsabkommen adressiert einige dieser Probleme. Aber es adressiert nicht die Grundstruktur eines Systems, das Innovation und Effizienz oft mehr behindert als fördert.

Indien und die Welt

Indien ist nicht verwachsen mit Europa. Nicht mit dem Westen im Allgemeinen. Aber auch nicht mit China oder Russland. Es pflegt eine Politik der strategischen Autonomie, die manchmal Unabhängigkeit genannt wird und manchmal Opportunismus. Modi kauft russisches Öl, während Europa Sanktionen verhängt. Er pflegt Beziehungen zu Peking, während er gleichzeitig im Grenzgebiet militärische Spannungen riskiert. Er hofiert Washington, hält sich aber alle Optionen offen. Indien ist ein pragmatischer Akteur, kein ideologischer Verbündeter.

Für Europa bedeutet das: Indien wird immer seinen eigenen Interessen folgen. Es wird Partner sein, wenn es nützt, und nicht Partner sein, wenn es schadet. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe, gewiss. Aber keine Partnerschaft auf Grundlage geteilter Werte, wie sie Europa mit anderen Demokratien pflegt. Die wirtschaftliche Vernetzung Indiens mit der Welt ist zudem erstaunlich gering. Im Vergleich zu China, zu Südostasien, sogar zu Mexiko oder Brasilien spielt Indien in globalen Wertschöpfungsketten eine untergeordnete Rolle.

Und dennoch: Europa hat gute Karten, auf Indien zu setzen. Nicht weil Indien perfekt wäre. Nicht weil der Aufstieg garantiert wäre. Sondern weil Diversifikation notwendig ist und ein globaler Aufstieg dieses Landes gut absehbar ist, wie auch immer diese sich am Ende strukturell in Indien äußert.

Die Abhängigkeit von China war ein strategischer Fehler, der sich in der Pandemie, in der Energiekrise und in den zunehmenden geopolitischen Spannungen offenbart hat. Europa braucht Alternativen. Indien ist eine davon. Nicht die einzige. Aber eine wichtige.

Das Handelsabkommen kann eine Initialzündung sein. Es kann Strukturen schaffen, die Wachstum ermöglichen. Es kann europäischen Unternehmen Zugang zu einem Markt eröffnen, der langfristig enormes Potenzial hat. Die Zollsenkungen sind real, die Marktöffnung ist real, die Chancen sind real.

Aber Chancen sind keine Garantien.

Die Wette

Europa setzt auf Indien. Das ist richtig. Aber es sollte nicht auf Indien vertrauen.

Die richtige Haltung ist strategische Offenheit bei gleichzeitiger Diversifikation. Indien als wichtiger Baustein, nicht als alleinige Hoffnung. Als Markt, der erschlossen werden muss, nicht als Heilsversprechen. Die Winzer in Rheinland-Pfalz sollten investieren. Die Medtech-Startups sollten expandieren. Aber mit offenen Augen. Mit dem Wissen, dass Indiens Aufstieg alles andere als sicher ist. Dass strukturelle Defizite nicht durch Freihandelsabkommen verschwinden. Dass Ungleichheit, Bildungsarmut und gesellschaftliche Fragmentierung langfristige Risiken darstellen. Es wäre fahrlässig, Indien nicht zu erschließen. Es wäre ebenso fahrlässig, auf eine glänzende Zukunft ohne Misstrauen zu setzen.

Bei einem Rückblick auf das Jahr 2026 werden Historiker vielleicht von einem Wendepunkt sprechen. Dem Moment, in dem Europa seinen Platz in einer fragmentierten Weltordnung neu definierte. Resilienz im Inneren, Offenheit nach außen. Stärke durch Diversifikation, nicht durch Isolation. Oder sie werden von einer verpassten Chance sprechen. Von überzogenen Erwartungen, die an der Realität zerschellten. Von einem romantischen Hype, der die strukturellen Probleme des Subkontinents unterschätzte.

Welche Geschichte geschrieben wird, hängt nicht nur von Europa ab. Es hängt davon ab, ob Indien seine inneren Widersprüche überwindet. Ob es gelingt, Bildung für alle zu schaffen, Arbeitsplätze für die Jugend, Perspektiven für die Massen. Ob das Wachstum bei der Mittelschicht ankommt, statt sich in den Händen weniger zu konzentrieren.

Europa kann diesen Prozess begleiten. Es kann investieren, handeln, kooperieren. Aber es kann ihn nicht garantieren. Das Handelsabkommen ist wichtig. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber es ist keine Ankunft. Es ist der Beginn einer langen Reise auf unsicherem Terrain. Die große Wette auf den Subkontinent ist platziert. Jetzt muss sie aufgehen.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert