Kinder, mehr Ziele bitte!

Nunmehr 50 Jahre nach dem Beginn der ersten Experimente, zählt die von Latham und Locke postulierte Zielsetzungstheorie zu einer der gültigsten und praktischsten Motivationstheorien. Die Zielsetzungstheorie beschreibt eine prozessorientierte Motivationstheorie, die davon ausgeht, dass Menschen von Zielen motiviert und unmittelbar reguliert werden. Das Modell stützt sich auf zwei empirisch bestätigte Kernaussagen. Erstens, hohe Ziele führen zu mehr Aufwand, Konzentration und Ausdauer als mäßig schwierige oder leichte Ziele. Zweitens, Ziele, die spezifisch und schwierig sind, führen zu einem höheren Leistungsniveau, als vage oder gar keine Ziele. Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurde die Zielsetzungstheorie in die unterschiedlichsten Bereiche überführt. Da sich die Theorie als induktiv versteht, ist eine ständige und stetige Weiterentwicklung in neue Anwendungsbereiche möglich. Wie wichtig ist die Anwendung dieser Theorie für das Lernen im schulischen Kontext?

Zu Beginn ist es wichtig, zu verstehen, was überhaupt Ziele sind. Ziele sind kognitive Repräsentationen wünschenswerter Zustände, die sich in ihrer Verbindlichkeit von Wünschen unterscheiden. Sie sind individuell und bewusst zugänglich. Ziele sind demnach an einen definitiven Handlungsentschluss, sprich die Intention den angestrebten Zielzustand aktiv herbeizuführen, gekoppelt. Ziele lassen sich in abstrakte, übergeordnete und untergeordnete Subziele einteilen, die wiederum durch unterschiedliche Handlungsstrategien erreicht werden können. Die psychologische Forschung beschäftigt sich intensiv mit den handlungsregulierenden Funktionen und Dimensionen etwaiger Ziele.

Die Funktion von Zielen im Handlungsprozess besteht aus der Festlegung persönlich erstrebenswerter Ergebnisse, der kontinuierlichen Steuerung und Bewertung der Ausführung und schlussendlich die Beurteilung des Ergebnisses. Wichtig für Zielfortschritte sind eine hohe Zielbindung und günstige Realisierungsbedingungen. Neben diesen Rahmenbedingungen spielen die Merkmale effektiver Ziele eine Rolle. Ist es gewinnbringender einfach, oder schwer zu realisierende Ziele zu setzen?
Latham und Locke beantworten das mit ihrer Zielsetzungstheorie. Diese erklärt die Wirkung bestimmter Zielmerkmale auf die Leistungsmotivation. So zeigt die empirisch fundierte Theorie, dass spezifische und schwierige Ziele zu Leistungssteigerungen führen. Diese geben der handelnden Person Aufschluss über die erforderliche Handlungsstrategie, Aufmerksamkeitslenkung, sowie benötigte Anstrengung und Ausdauer.
Weiterführende Forschung konnte zeigen, dass dieser Effekt von unterschiedlichen Moderatorvariablen beeinflusst wird, die das Verhalten insoweit beeinflussen, als sie letztlich das Commitment erhöhen. Die Fähigkeiten / Fertigkeiten der Person, die Selbstwirksamkeit, die Zielbindung und die Rückmeldung über den Zielfortschritt.

Die Zielsetzungstheorie von Latham und Locke wird in vielfachen Interventionen zur Steigerung von Leistungsmotivation im Lehrkontext als methodologische Grundlage verwendet. In der Literatur sind die beschriebenen Merkmale häufig mit positiven akademischen und persönlichen Leistungen verbunden.
Vor allem in der höheren Schulbildung ist die Theorie umfassend erforscht. So zeigten Morisano et. Al (2010) beispielhaft, dass nach einem Zeitraum von vier Monaten Studenten, die an einer Zielsetzungsintervention teilgenommen hatten, im Vergleich zur Kontrollgruppe ihre Leistungen signifikant verbesserten.

Eine neuere Übersichtsstudie zeichnete hingegen ein differenzierteres Bild. Demnach haben Zielsetzungsinterventionen eine signifikante Wirkung auf Studierende, jedoch in Abhängigkeit des jeweiligen Bereiches, in denen sie angewendet werden. Insgesamt scheinen Interventionen für Gesundheitsverhalten am wirksamsten. Einflüsse auf die Leistungsmotivation und Leistungssteigerung weniger wirksam. Ein möglicher Grund könnte darin bestehen, dass ineffektive Studien häufig andere Interventionen mit der Zielsetzungstheorie kombinierten. Ebenso könnte die Dauer des Wirkmechanismus zu kurz gewählt worden sein, um Selbstwirksamkeit sinnvoll zu beeinflussen.

Im Kontext schulischer Motivation von Kindern scheint die Forschung aktuell noch wenige Ergebnisse zu liefern. In frühen Jahrgangsstufen ist die Zielsetzungstheorie weitgehend unerforscht. Eine achtwöchige Studie untersuchte die Auswirkung von Zielsetzungsinterventionen auf die Motivation, Selbstwirksamkeit und mathematische Leistung bei Grundschülern. Dazu wurde von den Schülern ein Ziel festgelegt und anschließend überwacht. Basierend auf den Ergebnissen hatte die Zielsetzung einen Einfluss auf die mathematische Leistung der Schüler, jedoch keinen Einfluss auf die Motivation zu lernen sowie die Selbstwirksamkeit.

Die aktuelle Forschung zeigt ausdrücklich, dass es vielversprechende Belege für einen Zusammenhang zwischen Zielsetzung, Leistung und Motivation gibt. Besonders die Motivation von Kindern im schulischen Kontext sollte besser untersucht und eingesetzt werden. Zukünftig ist es ratsam darauf zu achten, dass die Intervention auf die Erkenntnisse der Zielsetzungstheorie abzielt, weiter langfristig durchgeführt wird. Ebenso ist es wichtig, zwischen Leistungsmotivation und Motivation zum Lernen zu unterscheiden. Neben der Erforschung von besseren Lernumgebungen für Kinder ist vor allem aber auch die Anwendung in der Realität bedeutend. Einerseits, um breit angelegte Studien durchzuführen und die Wirksamkeit zu validieren. Andererseits, um Lernkonzepte stetig an moderne Anforderungen und Erkenntnisse zu transformieren.


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