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Deep Dive · Wissenschaft & Zukunft

Wer kontrolliert das Band, das die Fusion möglich macht?

LM
Dr. Lena Marquardt
8 Min. Lesezeit · 19. Oktober 2026

20.000 Kilometer HTS-Band braucht Proxima Fusion allein für seinen Demonstrationsreaktor Alpha – die halbe Länge des Äquators, gewickelt zu Magneten für den Plasmaeinschluss. Für das kommerzielle Kraftwerk Stellaris kommen noch einmal 40.000 Kilometer dazu. Doch produziert wird das Band bislang fast nur in Asien.

Ein Erklärstück über ein unsichtbares Band, das über die Zukunft der Energieversorgung mitentscheiden könnte

Stellen Sie sich vor, jemand gibt 140 Millionen Euro für ein Produkt aus, das Sie mit bloßem Auge kaum erkennen können – ein dünnes, bandförmiges Material, das in keiner Alltagstechnik vorkommt und dessen Namen die meisten Menschen noch nie gehört haben. Genau das passiert gerade in Niedersachsen. Um zu verstehen, warum das keine exzentrische Wette, sondern ein strategischer Schritt mit potenziell weitreichenden Folgen für Deutschland ist, muss man drei Dinge wissen: was dieses Band ist, warum es heute fast nur in Asien hergestellt wird und welche Rolle es in den Plänen eines Münchner Start-ups spielt, das die Energiegewinnung grundlegend verändern will.

Das unsichtbare Band, das Fusionsreaktoren möglich macht

Das Material heißt HTS-Band – die Abkürzung steht für Hochtemperatur-Supraleiter, ein Werkstoff, der bei vergleichsweise hohen Temperaturen elektrischen Strom ohne Widerstand leiten kann. In der Fusionsforschung ist dieses Band kein Randprodukt, sondern eine der zentralen Komponenten: Es wird zu Kabeln gewickelt, aus denen die Magnete gebaut werden, die das heiße Plasma in einem Fusionsreaktor einschließen. Ohne diese Magnete kein Reaktor, ohne das Band keine Magnete. So einfach ist die Kette.

Proxima Fusion, das Unternehmen, das diese Fabrik plant, hat den Bedarf konkret beziffert. Unter den aktuellen Planungen benötigt das Unternehmen für seinen Demonstrationsreaktor Alpha etwa 20.000 Kilometer HTS-Band und für das spätere kommerzielle Kraftwerk Stellaris weitere 40.000 Kilometer. Das Band wird zu HTS-Kabeln für die Magnete selbst gewickelt. Um diese Zahl einzuordnen: 20.000 Kilometer entsprechen der halben Länge des Äquators. Für ein einziges Demonstrationskraftwerk. Das kommerzielle Kraftwerk würde noch einmal die doppelte Menge benötigen. Diese schiere Materialmenge macht aus einem Nischenprodukt plötzlich einen industriellen Engpass.

Asien dominiert die Produktion – Europa will das ändern

Der zweite Punkt betrifft die Frage, wo dieses Band heute hergestellt wird. Die Antwort ist unbequem: Die industrielle Produktion von HTS-Band in großem Maßstab findet derzeit vor allem in Asien statt. Das ist kein Randproblem, sondern eine strategische Verwundbarkeit. Wenn die Lieferkette für eine Schlüsseltechnologie der Energieversorgung fast vollständig außerhalb Europas liegt, dann hängt die Energiesouveränität des Kontinents an Entscheidungen, die anderswo getroffen werden.

Proxima Fusion formuliert das in seiner Pressemitteilung unmissverständlich: Der Aufbau einer heimischen Produktionskapazität sei strategisch wichtig, wenn die Lieferkette für Stellaratoren fast vollständig in Europa angesiedelt werden soll. Das ist der Kern des Vorhabens: Es geht nicht nur um eine Fabrik, sondern um die Verlagerung einer kritischen Industrie nach Europa. Wer die Energieversorgung der Zukunft kontrollieren will, muss die Materialien dafür selbst herstellen können. Diese Erkenntnis ist in anderen Branchen – man denke an Halbleiter oder Batteriezellen – in den vergangenen Jahren schmerzhaft gereift. Bei der Fusionstechnologie soll dieser Fehler offenbar nicht wiederholt werden.

Proxima baut die erste HTS-Band-Fabrik Europas

Damit sind wir beim dritten Punkt: Was plant Proxima Fusion konkret? Das Unternehmen hat im September 2026 eine Absichtserklärung mit dem Land Niedersachsen unterzeichnet. Geplant ist eine Produktionsanlage für fusionsgeeignetes HTS-Band – die erste ihrer Art in Deutschland und Europa. Diese Anlage soll die industrielle Grundlage schaffen für Proximas Alpha-Demonstrator, für das geplante Stellaris-Kraftwerk am Standort des ehemaligen Kernkraftwerks Gundremmingen und langfristig für die Serienproduktion von Stellaratoren.

Die Investitionssumme ist beachtlich: Rund 140 Millionen Euro sollen in die ersten beiden Projektphasen fließen, die bis Ende 2029 laufen. Proxima will die Gesamtinvestition je zur Hälfte aus privatem Kapital und öffentlicher Förderung finanzieren. Das Land Niedersachsen steuert 21 Millionen Euro bei, was knapp 30 Prozent des vorgesehenen öffentlichen Finanzierungsanteils entspricht. Das ist eine klare Arbeitsteilung: Der Staat gibt Anschubfinanzierung, das Unternehmen trägt das unternehmerische Risiko.

Niedersachsen will Europas Zentrum der HTS-Fertigung werden

Was bedeutet das für die Menschen vor Ort? Beim Aufbau der HTS-Produktion sollen Arbeitsplätze im niedrigen dreistelligen Bereich entstehen, wie ein Unternehmenssprecher bestätigte. Das klingt auf den ersten Blick bescheiden – hundert Arbeitsplätze sind keine Autofabrik. Aber es handelt sich um hochqualifizierte Stellen in einer Zukunftstechnologie, und die Ansiedlung einer solchen Anlage hat Strahlkraft: Sie zieht Zulieferer, Forschungseinrichtungen und weitere Investitionen an. Der niedersächsische Ministerpräsident Olaf Lies formuliert es so: Niedersachsen werde zum Pionier der europäischen HTS-Fertigung. Das unterstütze nicht nur Deutschlands Fusionsziele, sondern bringe auch fortschrittliche Fertigung, neue wirtschaftliche Wertschöpfung, hochqualifizierte Arbeitsplätze und technologische Expertise in das Bundesland – mit dem Potenzial für positive Innovationseffekte in vielen anderen Branchen. Niedersachsen werde, so Lies wörtlich, „buchstäblich ein Magnet für eine neue kritische Technologie“.

Diese Wortwahl ist kein Zufall. Ein Magnet ist genau das, wofür das HTS-Band gebraucht wird. Die politische Rhetorik greift die technische Funktion auf und macht daraus ein Standortversprechen. Ob dieses Versprechen hält, hängt von vielen Faktoren ab – aber die Richtung ist klar: Niedersachsen will sich als Produktionsstandort für eine Schlüsselkomponente der Fusionsenergie etablieren, bevor andere europäische Regionen diesen Platz besetzen.

500 Millionen vom Bund – die Milliardenfrage bleibt

Die Fabrik in Niedersachsen ist kein isoliertes Projekt. Sie ist eingebettet in eine größere Förderkulisse des Bundes. Im Rahmen der Hightech Agenda Deutschland hat die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) im Auftrag des Bundesforschungsministeriums ein neues Förderprogramm gestartet. Das Meilensteinprogramm ist Teil des Aktionsplans Fusion, der als Flaggschiff-Maßnahme der Hightech Agenda Deutschland (HTAD) am 1. Oktober 2025 beschlossen wurde. Die Finanzierung erfolgt aus dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK). Bis 2029 werden 500 Millionen Euro bereitgestellt, perspektivisch soll das Gesamtvolumen der öffentlichen Unterstützungsmittel auf bis zu 2,5 Milliarden Euro steigen. Das ist eine bewusste Entscheidung, Fusionsforschung nicht länger nur als Grundlagenwissenschaft zu behandeln, sondern als industriepolitisches Projekt.

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär begründet das mit einem bemerkenswerten Satz: Die Fusion habe in den vergangenen Jahren erhebliche wissenschaftliche Durchbrüche erzielt und stehe an der Schwelle von der reinen Grundlagenforschung zur industriellen und kommerziellen Anwendung. Das erklärt, warum private Investoren an das Projekt glauben. Aber privates Kapital allein wird die Lücke nicht schließen, wenn der Staat nicht nachlegt. Die Frage, ob der Bund die für Alpha fehlenden 1,2 Milliarden Euro zusagt, ist daher eine der zentralen offenen Fragen dieses Vorhabens.

Die Henne-Ei-Wette: Nachfrage und Produktion zugleich aufbauen

Versucht man, die Bedeutung dieser Entwicklungen einzuordnen, ergibt sich ein Bild mit mehreren Ebenen. Auf der technologischen Ebene geht es um die Frage, ob Europa bei einer Schlüsselkomponente der Fusionsenergie unabhängig von asiatischen Lieferanten werden kann. Auf der wirtschaftlichen Ebene geht es um die Ansiedlung einer neuen Industrie mit hochqualifizierten Arbeitsplätzen und potenziellen Ausstrahlungseffekten. Auf der politischen Ebene geht es um die Frage, ob Deutschland bereit ist, die finanziellen Konsequenzen seiner industriepolitischen Ambitionen zu tragen.

Francesco Sciortino, Mitgründer und CEO von Proxima Fusion, bringt die unternehmerische Perspektive auf den Punkt: HTS-Band sei eine der kritischen Technologien, um Fusionsenergie schnell auf industriellem Niveau zu skalieren. Alpha und Stellaris würden die Nachfrage schaffen, die nötig sei, um diese Fertigungskompetenz lokal aufzubauen. Niedersachsen habe die industrielle Basis, die Energieexpertise und die politische Entschlossenheit, um aus einer Lieferketten-Abhängigkeit eine dauerhafte strategische Stärke für Deutschland und Europa zu machen.

Das ist die Wette: Wenn die Nachfrage erst einmal da ist, wird sich die Produktion ansiedeln. Und wenn die Produktion erst einmal da ist, wird sie weitere Nachfrage anziehen. Ein klassisches Henne-Ei-Problem, das durch staatliche Anschubfinanzierung gelöst werden soll. Ob diese Rechnung aufgeht, hängt davon ab, ob Alpha tatsächlich gebaut wird – und ob Stellaris tatsächlich kommt. Beides ist noch nicht garantiert.

Die fünf Knackpunkte: Finanzierung, Abhängigkeit, Arbeitsplätze, Förderung, Europa

Am Ende dieses Erklärstücks steht keine Gewissheit, sondern eine Reihe von Fragen, die der Wandel aufwirft. Sie zu stellen ist wichtiger, als vorschnelle Antworten zu geben.

Erstens: Wird der Bund die fehlenden 1,2 Milliarden Euro für Alpha zusagen? Ohne diese Zusage bleibt der Demonstrationsreaktor ein Plan, und ohne Demonstrationsreaktor bleibt die Fabrik in Niedersachsen eine Investition in eine ungewisse Zukunft.

Zweitens: Kann eine einzige Produktionsanlage tatsächlich die Abhängigkeit von asiatischen Herstellern brechen? Oder entsteht hier nur eine Nischenkapazität, die im globalen Wettbewerb kaum ins Gewicht fällt?

Drittens: Was passiert mit den Arbeitsplätzen und der regionalen Wirtschaft, wenn sich die Fusionspläne verzögern oder scheitern? Hundert Arbeitsplätze sind schnell geschaffen, aber auch schnell wieder verloren, wenn die Nachfrage ausbleibt.

Viertens: Ist die öffentliche Förderung von bis zu 2,5 Milliarden Euro gerechtfertigt, solange unklar ist, ob Fusionsenergie jemals wettbewerbsfähig Strom liefern wird? Oder handelt es sich um eine notwendige Wette auf eine Technologie, deren Scheitern teurer wäre als ihre Förderung?

Fünftens: Welche Rolle werden andere europäische Länder spielen? Wenn Deutschland vorangeht, aber Frankreich, Italien oder Spanien eigene Programme auflegen, entsteht dann ein europäischer Flickenteppich statt einer gemeinsamen Lieferkette?

Vom Labor in die Fabrik: Ein ungesichertes Experiment

Diese Fragen sind nicht rhetorisch. Sie markieren die Bruchlinien eines Vorhabens, das ebenso ambitioniert wie ungesichert ist. Was sich in Niedersachsen abzeichnet, ist kein fertiges Erfolgsmodell, sondern ein Experiment: der Versuch, aus einer wissenschaftlichen Durchbruchserzählung eine industrielle Realität zu machen. Ob dieser Versuch gelingt, wird sich nicht in Pressemitteilungen entscheiden, sondern in den kommenden Jahren auf Baustellen, in Laboren und in Haushaltsverhandlungen.

Die eingangs gestellte Alltagsfrage – warum jemand 140 Millionen Euro für ein unsichtbares Band ausgibt – lässt sich am Ende so beantworten: Weil dieses Band das Rückgrat einer Technologie ist, die – wenn sie funktioniert – die Art und Weise verändern könnte, wie wir Energie erzeugen. Und weil die Kontrolle über dieses Band darüber mitentscheidet, ob Deutschland und Europa bei dieser Transformation zuschauen oder mitgestalten. Ob die Wette aufgeht, ist offen. Dass sie eingegangen wird, ist die eigentliche Nachricht.

Dieser Text wurde KI-gestützt erstellt, Aussage für Aussage gegen die Quellen geprüft und redaktionell freigegeben. So arbeiten wir

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