Zehn Einhörner in einem Jahr – und 64 Prozent der Start-ups setzen bei digitalen Technologien auf US-Anbieter. Malte, 34, Gründer eines KI-Start-ups in München, sagt: 'Meine erste Mitarbeiterin hat immer noch einen befristeten Vertrag.' Wem gehört dieser Aufschwung, wenn die Server in Virginia stehen?
„Deutschland gründet wieder – in der Breite und auf einer starken technologischen Basis“, sagte Verena Pausder, Vorstandschefin des Start-up-Verbands.
Ein Einhorn ist kein Ponyhof
Zehn Firmen haben die Milliardenmarke geknackt. 64 Prozent der Start-ups setzen bei digitalen Technologien auf US-Anbieter. Das sind Zahlen für Schlagzeilen, für Sonntagsreden, für PowerPoint-Präsentationen in Ministerien. Aber ein Einhorn ist kein Ponyhof. Hinter jeder Bewertung stehen Menschen, die Überstunden schieben, Mietverträge unterschreiben, Kinder in Kitas bringen, die um 18 Uhr schließen. Hinter jeder Bewertung steht auch eine Frage: Wem gehört der Aufschwung?
Nehmen wir Malte, 34, Gründer eines KI-Start-ups in München. Sein Unternehmen ist eines der neuen Einhörner. Er sitzt in einem Großraumbüro, das nach Kaffee und Desinfektionsmittel riecht, und sagt: „Wir haben es geschafft, aber meine erste Mitarbeiterin hat immer noch einen befristeten Vertrag.“ Das ist kein Zitat aus einer Studie, das ist exemplarisch. So reden sie, die Gewinner des Booms, wenn sie ehrlich sind. Sie haben die Bewertung, sie haben die Presse, sie haben die Investoren an der Angel. Aber die, die den Code geschrieben haben, die nachts um drei den Server neu gestartet haben, die stehen oft immer noch auf der Kippe. Befristet, schlecht bezahlt, austauschbar.
Die Server stehen in Virginia, nicht in Berlin
Das ist die Abhängigkeit, über die selten gesprochen wird, wenn die Sektkorken knallen. Die Server stehen in Virginia, die Software kommt aus Seattle, die Daten fließen über den Atlantik. Die deutschen Einhörner sind vielleicht in Berlin oder München zu Hause, aber ihr Fundament ist amerikanisch. Was passiert, wenn die USA den Stecker ziehen? Wenn die Preise steigen? Wenn der nächste Handelskrieg kommt und die Cloud plötzlich als Waffe benutzt wird? Dann stehen die stolzen Gründer da wie Mieter, deren Vermieter die Kündigung in der Tasche hat.
Für die Leser heißt das: Der Job in dem hippen Start-up um die Ecke hängt an einer Infrastruktur, die nicht in Deutschland steht. Die Stadt, die stolz ihr neues Tech-Viertel einweiht, hat keine Kontrolle über die Leitungen, die das Viertel am Leben halten. Die Steuergelder, die in Förderprogramme fließen, landen am Ende bei amerikanischen Konzernen, die dafür keine Gewerbesteuer in Gelsenkirchen zahlen. Der Aufbruch, von dem die Tagesschau spricht, ist ein Aufbruch auf gemietetem Grund.
Zehn Einhörner, aber wem nützen sie?
Deutschland hat lange gejammert, dass es keine Start-ups hervorbringt. Jetzt bringt es welche hervor, und zwar nicht zu knapp. Zehn Einhörner in einem Jahr – das ist mehr, als Deutschland in manchen Jahren zuvor in einem ganzen Jahrzehnt geschafft hat. Aber die Frage ist, was für Einhörner das sind. Sind es deutsche Einhörner oder amerikanische Einhörner mit deutschem Briefkasten? Sind es Firmen, die Arbeitsplätze schaffen, die halten, die Steuern zahlen, die in die Region investieren? Oder sind es Bewertungsblasen, die platzen, sobald der Risikokapitalgeber in Palo Alto die Geduld verliert?
Der KI- und Rüstungsboom, von dem alle reden, ist ein zweischneidiges Schwert. Er bringt Geld ins Land, er bringt Talente, er bringt Aufmerksamkeit. Aber er bringt auch eine neue Abhängigkeit: von den großen Plattformen, von den Cloud-Anbietern, von den Chip-Herstellern, die alle nicht in Europa sitzen. Und er bringt eine neue Ungleichheit: zwischen denen, die Anteile halten, und denen, die nur ihren Lohn bekommen. Zwischen den Städten, die vom Boom profitieren, und den Regionen, die weiter abgehängt werden. Zwischen den Gründern, die als Helden gefeiert werden, und den Angestellten, die als Kostenfaktor gelten.
Die unbequemen Fragen vor dem nächsten Sektkorken
Vielleicht sollten wir nicht nur fragen, wie viele Einhörner wir haben, sondern wem sie gehören. Vielleicht sollten wir fragen, ob ein Land, das seine digitale Infrastruktur nicht selbst kontrolliert, wirklich von einem Gründungsboom sprechen kann. Vielleicht sollten wir fragen, ob der Preis für zehn Einhörner – befristete Verträge, steigende Mieten, amerikanische Abhängigkeit – nicht zu hoch ist. Und vielleicht sollten wir diejenigen fragen, die den Code schreiben, die Server warten, die Kunden betreuen: Was habt ihr davon?
Die Antwort wird unbequem sein. Aber sie ist nötig, bevor der nächste Sektkorken knallt.
