16 Monate, dann steht das Band still. 96 Prozent der deutschen Unternehmen importieren digitale Technologien und Services aus dem Ausland, 93 Prozent erwarten bei einem Ausfall Folgen für die Produktion, und Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst nennt das Kerngeschäft, nicht die IT-Abteilung. Wer zahlt den Preis, wenn die Lieferketten reißen?
Ohne Digitalimporte steht die Produktion still
„Es trifft das Kerngeschäft“
„Wenn digitale Importe aus wichtigen Herkunftsländern ausfallen, trifft das nicht nur die IT-Abteilung, es trifft das Kerngeschäft. Produktion, Vertrieb und Lieferketten hängen unmittelbar von digitalen Technologien und Leistungen ab.“ So beschreibt Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst die Lage. Die Zahlen geben ihm recht.
96 Prozent der deutschen Unternehmen importieren digitale Technologien und Services aus dem Ausland. Das zeigt eine repräsentative Umfrage unter 602 Unternehmen ab 20 Beschäftigten, telefonisch befragt zwischen Kalenderwoche 33 und 39 2026. Wenn diese Importe wegfallen, erwarten 93 Prozent Auswirkungen auf die Produktion, 91 Prozent auf Vertrieb und Verkauf, 87 Prozent auf Logistik und Lieferketten. Auch Einkauf und Beschaffung (79 Prozent), Kundenservice (78 Prozent) sowie IT-Betrieb und technische Infrastruktur (69 Prozent) wären betroffen. Das ist kein Randproblem der IT-Abteilung, das ist der Maschinenraum.
Abhängig von China und USA, nur 16 Monate Puffer
88 Prozent der Unternehmen fühlen sich von China abhängig, 87 Prozent von den USA. Die Besorgnis über die US-Abhängigkeit wuchs innerhalb von zwei Jahren von 38 auf 73 Prozent.
Chips, KI-Anwendungen, Cloud-Dienste, Software: Ohne digitale Importe aus dem Ausland würden deutsche Unternehmen im Schnitt noch 16 Monate durchhalten. Die Zahl hat sich gegenüber dem Vorjahr um zwei Monate verbessert. Die Abhängigkeit bleibt erheblich. 16 Monate. Dann steht das Band still.
94 Prozent der befragten Unternehmen sehen Deutschland bei digitalen Technologien und Leistungen aus dem Ausland als abhängig: 44 Prozent als stark, 50 Prozent als eher abhängig. Bei den eigenen Digitalimporten stehen Elektronikgeräte wie Smartphones und Laptops an der Spitze (94 Prozent), gefolgt von Hardware-Komponenten wie Computerchips (79 Prozent). Der Laptop auf dem Schreibtisch, das Smartphone in der Tasche, der Chip in der Maschine. Alles importiert.
Unternehmen fordern die Politik, handeln aber selbst nicht
Wintergerst sagt, einige Produkte ließen sich nicht ohne Weiteres ersetzen. Vielen Unternehmen fehle aber der Mut, stärker auf heimische Angebote zu setzen. Internationale Arbeitsteilung sei eine Stärke, aber sie dürfe nicht dazu führen, „dass wir im Krisenfall handlungsunfähig werden“. 85 Prozent halten ihre globalen Wertschöpfungsketten für zu stark verflochten und sind der Ansicht, dass sie stärker regionalisiert werden sollten. 68 Prozent sagen, dass es für bestehende Abhängigkeiten von Geschäftspartnern im Ausland keine Alternative gibt. Die Unternehmen wissen um das Problem. Sie handeln nur nicht.
Die Unternehmen formulieren einen klaren Auftrag an die Politik: 97 Prozent sind der Ansicht, dass Deutschland stärker in Schlüsseltechnologien investieren muss. Ebenso viele fordern, die digitale Souveränität Deutschlands dringend zu stärken. 84 Prozent sprechen sich dafür aus, dass die EU ihre bestehenden Handelsschutzinstrumente stärker nutzt. Wintergerst sagt: „Digitale Souveränität ist kein einzelnes Förderprogramm, sondern eine strategische Aufgabe für Deutschland und Europa. Wir müssen unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken, in Schlüsseltechnologien investieren und unsere digitale Infrastruktur resilienter machen.“
16 Monate sind keine Strategie, sie sind eine Frist. Die Frage ist nicht, ob Deutschland ohne Digitalimporte überleben kann. Die Frage ist, wer den Preis zahlt, wenn die Lieferketten reißen: die Beschäftigten in der Produktion, die Kunden im Vertrieb, die Familien, deren Einkommen an diesen Ketten hängt?
