850 Milliarden Euro verspricht die Initiative Made for Germany bis 2028, doch das ifo Institut zählt 496.000 sozialversicherungspflichtige Industriearbeitsplätze weniger als 2019. Allein Autoindustrie und Zulieferer strichen 123.500 Stellen, Metallerzeugnisse 115.600, der Maschinenbau 64.500. Wer profitiert von den 230 Milliarden Euro, die Friedrich Merz in Berlin nennt, wenn die Zusätzlichkeit unklar bleibt?
Zwar hat die Bundesrepublik in ihrer Wirtschaftsgeschichte wiederholt Phasen des industriellen Umbruchs durchlebt, von der Stahlkrise der 1970er Jahre bis zur Transformation der ostdeutschen Industrie nach der Wiedervereinigung, doch selten klafften politische Investitionsrhetorik und statistisch messbarer Arbeitsplatzabbau so weit auseinander wie im Herbst 2026. Während die Bundesregierung auf einem Investitionsgipfel in Berlin Zusagen in dreistelliger Milliardenhöhe präsentiert, dokumentiert das ifo Institut einen Verlust von fast einer halben Million Industriearbeitsplätzen seit 2019. Diese Diskrepanz wirft die Frage auf, wer von der angekündigten Investitionsoffensive tatsächlich profitiert: die Beschäftigten in den schrumpfenden Industriebranchen, die Regionen, die den Strukturwandel tragen, oder vor allem die Unternehmen, die ihre Produktion automatisieren und ins Ausland verlagern?
Die Bundesrepublik hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie Strukturwandel bewältigen kann, vom Niedergang des Steinkohlebergbaus bis zur Transformation der Textilindustrie. Doch diese Anpassungsprozesse waren begleitet von aktiver Arbeitsmarktpolitik, regionalen Förderprogrammen und einem breiten gesellschaftlichen Konsens über die Notwendigkeit des Wandels. Ob diese Voraussetzungen heute gegeben sind, ist fraglich, denn der aktuelle Strukturwandel vollzieht sich schneller und trifft Branchen, die lange als unverwundbar galten.
Die Industrie verliert fast eine halbe Million Arbeitsplätze
Die deutsche Industrie hat seit 2019 knapp eine halbe Million sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren, Ende 2025 arbeiteten dort 496.000 Menschen weniger als zu Beginn des Jahres 2019, ein Minus von 7,1 Prozent. Sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ist der Kern des deutschen Arbeitsmarktes, sie sichert Ansprüche auf Rente, Krankenversicherung und Arbeitslosengeld. Der Verlust von fast einer halben Million solcher Stellen in der Industrie bedeutet einen Einkommensverlust für die Betroffenen und zugleich eine Schwächung der Sozialversicherungssysteme, die auf Beiträge angewiesen sind. Dieser Rückgang ist kein gleichmäßiger Prozess, sondern konzentriert sich auf wenige Branchen, die über Jahrzehnte das Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft bildeten. Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der ifo Niederlassung Dresden, spricht von einem „verschärften Strukturwandel“ und stellt fest: „Ausgerechnet die Branchen schrumpfen, die bisher unseren Wohlstand getragen haben.“ Er ergänzt, dass die neuen Jobs meist nicht dort entstehen, wo Deutschland besonders produktiv und innovativ ist, was das Wachstumspotenzial beeinträchtigen könne. Diese Einschätzung verweist auf ein zentrales ordnungspolitisches Problem: Wenn Arbeitsplätze in Sektoren mit hoher Wertschöpfung verloren gehen und in Sektoren mit geringerer Produktivität entstehen, sinkt das gesamtwirtschaftliche Wachstumspotenzial, selbst wenn die Beschäftigungsquote stabil bleibt. Der Strukturwandel ist dann nicht allein eine Frage der Anpassung, sondern eine Frage der qualitativen Zusammensetzung der Beschäftigung.
Autoindustrie und Zulieferer bauen am stärksten ab
Die Autoindustrie und ihre Zulieferer strichen 123.500 Stellen, ein Minus von 13 Prozent, Hersteller von Metallerzeugnissen bauten 115.600 Stellen ab, der Maschinenbau 64.500, diese drei Branchen stehen für rund 60 Prozent des Abbaus. Die Zeitarbeit verliert 243.000 Beschäftigte, viele davon arbeiteten in der Fertigung, rechnet man sie hinzu, verlor die Industrie sogar rund 628.000 Arbeitsplätze. Im Dienstleistungssektor entstanden dagegen mehr als 2,2 Millionen neue Stellen, vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der öffentlichen Verwaltung. Diese Verschiebung ist nicht per se negativ, doch sie verändert die Struktur der Beschäftigung grundlegend: Statt tarifgebundener Industriearbeitsplätze mit vergleichsweise hohen Löhnen entstehen vielfach Stellen, die stärker von öffentlichen Haushalten abhängen und deren Produktivitätswachstum begrenzt ist. Die Zeitarbeit, die als Flexibilitätspuffer der Industrie diente, schrumpft überproportional, was darauf hindeutet, dass die Unternehmen ihre Flexibilitätsreserven reduzieren und zugleich Stammbelegschaften abbauen.
Osten verliert überdurchschnittlich viele Industriearbeitsplätze
Den Industrieabbau spüren alle Bundesländer außer Hamburg, im Osten fällt er mit minus 8,4 Prozent etwas stärker aus als im Westen mit minus 6,8 Prozent, neue Jobs im Automobilbau gab es in Ostdeutschland nur in Brandenburg, dank der Tesla-Fabrik in Grünheide. Diese regionale Ungleichverteilung verschärft bestehende Disparitäten: Während einige Standorte von einzelnen Großinvestitionen profitieren, verlieren andere ihre industrielle Basis, ohne dass ein gleichwertiger Ersatz in Sicht wäre. Die Ausnahme Hamburgs, das als Dienstleistungsmetropole weniger von der Industrie abhängt, bestätigt die Regel, dass der Strukturwandel diejenigen Regionen am härtesten trifft, die am stärksten auf das verarbeitende Gewerbe spezialisiert sind.
Milliardenzusagen, aber kaum echte Zusatzinvestitionen
Die politische Antwort auf diesen Strukturwandel ist eine groß angelegte Investitionskampagne. Die Unternehmensinitiative „Made for Germany“ will bis 2028 mehr als 850 Milliarden Euro am Standort Deutschland investieren, 147 Unternehmen und Investoren hätten sich angeschlossen, allein 2025 seien davon mehr als 200 Milliarden Euro investiert worden, die zentrale Botschaft lautet: „Wir glauben an Deutschland. Wir wollen hier investieren.“ Allerdings waren viele Investitionen bereits geplant, bevor die Initiative startete, zudem wurden auch Vorhaben gestoppt, netto seien die Investitionspläne mit dem Beitritt zur Initiative bis Februar 2026 aber um einen niedrigen zweistelligen Milliardenbetrag gestiegen. Diese Relativierung ist bedeutsam: Der zusätzliche Impuls durch die Initiative ist überschaubar, ein großer Teil der Summe wäre ohnehin geflossen. Die Initiative dient damit weniger als Auslöser neuer Investitionen, sondern als Bündelung und öffentlichkeitswirksame Präsentation bereits bestehender Pläne. Ordnungspolitisch betrachtet ist eine Investitionsoffensive dann sinnvoll, wenn sie die Rahmenbedingungen für private Investitionen verbessert, nicht wenn sie einzelne Projekte subventioniert. Die genannten Standortnachteile wie hohe Energiekosten und Bürokratie lassen sich nicht durch Gipfeltreffen beseitigen, sondern erfordern eine grundlegende Reform der Energiepolitik und des Steuerrechts.
Gipfel verspricht 230 Milliarden, doch die Zusätzlichkeit bleibt unklar
Zum Abschluss von Invest in Germany in Berlin nannte Kanzler Friedrich Merz Zusagen von rund 230 Milliarden Euro, unter anderem von Amazon, Nvidia, Microsoft, RWE, Blackstone, der Schwarz-Gruppe und Sanofi, zugleich blieb offen, wie eng alle Zusagen mit dem Gipfel verknüpft sind, erfasst wurden nur Projekte über 100 Millionen Euro. Die Auswahl der Unternehmen deutet auf eine Schwerpunktsetzung in den Bereichen Digitalisierung, Energie und Gesundheit hin, doch die Frage der Additionalität bleibt unbeantwortet. Es ist unklar, ob diese Zusagen ohne den Gipfel nicht ebenfalls getätigt worden wären, und ob die genannten Summen tatsächlich in neue Produktionskapazitäten fließen oder lediglich in Übernahmen und Finanzanlagen.
Deutschland fällt bei Investitionen international zurück
Einer Studie von Allianz Research zufolge gingen zwischen 2019 und 2025 die Gesamtinvestitionen in Deutschland um 6,4 Prozent zurück, während sie im übrigen Euroraum um 6,7 Prozent und in den USA um 20,2 Prozent stiegen, zu den Gründen für die Zurückhaltung in Deutschland zählten hohe Energiekosten, eine hohe Steuer- und Abgabenbelastung und eine übermäßige Bürokratie. Sie lassen sich nicht durch einmalige Gipfeltreffen beseitigen, sondern erfordern eine grundlegende Neuausrichtung der Wirtschaftspolitik.
Ausländische Direktinvestitionen steigen, aber konzentrieren sich auf Leuchttürme
Insgesamt investierten laut Bundesbank ausländische Investoren im vergangenen Jahr 86 Milliarden Euro in Deutschland, diese Summe hat sich gegenüber 2024 fast verdoppelt, der Bundeskanzler erwartet bis 2030 weitere direkte Investitionen ausländischer Unternehmen in die deutsche Industrie von rund 800 Milliarden Euro. Der Anstieg der ausländischen Direktinvestitionen ist ein positives Signal, doch er konzentriert sich vermutlich auf wenige Leuchtturmprojekte und nicht auf die Breite der Industrie. Die Erwartung des Kanzlers von 800 Milliarden Euro bis 2030 ist ambitioniert und setzt voraus, dass die Standortbedingungen nachhaltig verbessert werden.
Investitionen schaffen nicht automatisch neue Arbeitsplätze
Mit der Wachstumsprognose, den aktuell stärkeren Exporten und staatlichen Investitionen sind die Probleme der deutschen Wirtschaft nicht gelöst, so Ökonom Marcel Fratzscher, Siemens-Chef Roland Busch nannte die industrielle KI bei der Tagung mit Merz Ende September eine „Jahrhundertchance für Deutschland“. Die industrielle KI mag die Produktivität einzelner Unternehmen steigern, sie wird jedoch den Verlust von Arbeitsplätzen in traditionellen Fertigungsbereichen nicht kompensieren, sondern eher beschleunigen.
Warum Investitionen und Jobabbau gleichzeitig passieren
Die Gleichzeitigkeit von massiven Investitionszusagen und anhaltendem Arbeitsplatzabbau in der Industrie ist kein Widerspruch, sondern Ausdruck desselben Transformationsprozesses. Investitionen in Automatisierung, Digitalisierung und künstliche Intelligenz erhöhen die Kapitalintensität der Produktion und können die Arbeitsproduktivität steigern, sie schaffen jedoch nicht zwangsläufig neue Arbeitsplätze in den betroffenen Branchen. Die ifo-Studie zeigt, dass die neuen Stellen im Dienstleistungssektor entstehen, der jedoch eine geringere Produktivitätsdynamik aufweist. Wer profitiert also vom Investitionsgipfel? Zunächst die Unternehmen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit durch moderne Anlagen sichern, und die Aktionäre, die von höheren Renditen profitieren. Die Beschäftigten in der Industrie profitieren nur dann, wenn sie über Qualifikationen verfügen, die in den neuen Tätigkeitsfeldern nachgefragt werden, andernfalls droht ihnen der Abstieg in schlechter bezahlte Dienstleistungsberufe oder die Arbeitslosigkeit. Die Regionen profitieren ungleich: Standorte mit erfolgreichen Ansiedlungen wie Grünheide können Arbeitsplätze gewinnen, während traditionelle Industrieregionen weiter schrumpfen.
Für Beschäftigte und Kommunen bleiben zentrale Fragen offen
Für den einzelnen Arbeitnehmer bedeutet dieser Strukturwandel eine tiefgreifende Verunsicherung. Ein Maschinenbauer in Ostwestfalen, dessen Stelle gestrichen wurde, findet möglicherweise eine neue Beschäftigung in der Pflege oder in der öffentlichen Verwaltung, doch diese Tätigkeiten sind anders entlohnt und erfordern andere Qualifikationen. Für junge Menschen, die vor der Berufswahl stehen, stellt sich die Frage, ob eine Ausbildung in der Industrie noch zukunftssicher ist. Für die Kommunen, die von Gewerbesteuereinnahmen der Industrie abhängen, bedeutet der Abbau von Arbeitsplätzen sinkende Einnahmen bei steigenden Sozialausgaben. Der Investitionsgipfel in Berlin mag Zuversicht verbreiten, doch er ändert wenig an der alltäglichen Erfahrung derjenigen, die den Wandel unmittelbar spüren.
Die zentralen offenen Fragen der Transformation
Am Ende bleiben zentrale Fragen offen: Wird es gelingen, die Produktivitätsgewinne der neuen Investitionen so zu verteilen, dass auch die Verlierer des Strukturwandels teilhaben? Welche Rolle soll der Staat spielen, um die Qualifizierung der Beschäftigten zu fördern und den regionalen Ausgleich zu organisieren? Sind die Investitionszusagen belastbar, oder handelt es sich zu einem erheblichen Teil um Ankündigungen, die ohnehin geplant waren? Und schließlich: Kann eine Volkswirtschaft, die ihre industrielle Basis verliert, langfristig ihren Wohlstand halten, wenn die neuen Arbeitsplätze überwiegend im öffentlich finanzierten Dienstleistungssektor entstehen? Diese Fragen sind nicht rhetorisch, sie bestimmen die wirtschaftspolitische Agenda der kommenden Jahre. Die Bundesregierung täte gut daran, die Investitionsoffensive nicht als Selbstzweck zu feiern, sondern sie mit einer aktiven Strukturpolitik zu verbinden, die den betroffenen Beschäftigten und Regionen eine Perspektive bietet. Andernfalls droht die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Realität das Vertrauen in die wirtschaftspolitische Steuerung weiter zu untergraben.
