1,85 Milliarden Liter Wasser verbrauchten deutsche Rechenzentren 2024 – und die Bundesregierung will die Kapazitäten bis 2030 mindestens verdoppeln. In Frankfurt sind die Stromnetze so ausgelastet, dass große Anschlüsse oft erst ab Mitte der 2030er-Jahre möglich sind. Während Anwohner in Maintal und Freyenstein protestieren, fordert Microsoft Änderungen an den Kategorien zur Wassereffizienz im EU-Nachhaltigkeitslabel – wie viel darf der KI-Aufbruch kosten?
Anwohnerproteste: Maintal stoppt Projekt, Freyenstein wehrt sich
In Maintal haben sie nachgerechnet. Der US-Konzern Edgeconnex plante dort einen neuen Standort – inklusive eigenem Gaskraftwerk auf dem Gelände. Die Anwohner vergleichen das mit dem Frankfurter Flughafen: 633.000 Tonnen CO₂ entsprächen etwa drei Vierteln aller Starts und Landungen samt Bodenverkehr. Anfang Mai informierte die Bürgermeisterin von Maintal die Fraktionsvorsitzenden darüber, dass der Konzern das Projekt in der bisher geplanten Form vorerst nicht weiterverfolge.
So sieht der KI-Aufbruch von unten aus: erst die Ankündigung, dann der Widerstand, dann der Rückzug. In der 800-Seelen-Gemeinde Freyenstein wächst der Widerstand gegen Pläne für einen Rechenzentrumscampus am südlichen Ortsrand. Zwei Firmen planen nach eigenen Angaben eines der größten Rechenzentren Europas. Das Investitionsvolumen beziffern sie mit etwa 25 Milliarden Euro. Anwohner kritisieren die weitere Flächenversiegelung, Lärm und Dreck durch die Bautätigkeiten und die Überlastung der bereits maroden Straße durch den Ort.
Stromnetze ausgelastet, Wasser wird knapp
Frankfurt am Main ist der wichtigste Rechenzentrumsstandort Deutschlands. Dort sind die Stromnetze inzwischen stark ausgelastet: Große neue Netzanschlüsse können nach Angaben lokaler Versorger vielfach erst ab Mitte der 2030er-Jahre bereitgestellt werden. Für Betreiber, die heute planen, ist das ein Investitionshorizont, der mit der Dynamik des KI-Marktes kaum vereinbar ist.
Die Zahlen dahinter: Allein in Deutschland lag 2024 der Stromverbrauch von Rechenzentren laut Borderstep Institut bei 20 Terrawattstunden. Und der Digitalverband Bitkom schätzt, dass man in Deutschland theoretisch 350.000 Wohnungen mit der bislang weitestgehend ungenutzten Abwärme aus den aktuell existierenden 90 deutschen Großrechenzentren versorgen könnte.
Beim Wasser wird es noch konkreter. Rechenzentren in Deutschland hätten im Jahr 2024 gut 1,85 Milliarden Liter Wasser verbraucht. Die EU-Richtlinie zur Energieeffizienz schreibt Betreibern großer Rechenzentren seit 2025 die Meldung bestimmter Kennzahlen vor, auch zum Wasserverbrauch. In Deutschland wird das Rechenzentrumsregister vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle geführt.
Bundesregierung will Kapazitäten verdoppeln, EU führt Label ein
Die Bundesregierung will trotzdem mehr. Die Nationale Rechenzentrumsstrategie wurde am 18. März 2026 vom Bundeskabinett veröffentlicht. Sie zielt darauf ab, die Rechenzentrumskapazitäten in Deutschland bis 2030 mindestens zu verdoppeln und die Rechenkapazitäten für High-Performance-Computing (HPC) und Künstliche Intelligenz (KI) mindestens zu vervierfachen.
Auf EU-Ebene gibt es jetzt ein Label. Rechenzentren in der EU, welche die Regeln erfüllen, erhalten ab 21. September ein elektronisches Nachhaltigkeitslabel. Dazu müssen sie einer installierten Leistung von mehr als 500 kW vorweisen und die Effizienzvorschriften der EU einhalten. Die schärferen Vorgaben sollen 2027 folgen: Dann will die Kommission Mindestanforderungen an die Effizienz festlegen, die neue Rechenzentren nicht mehr unterschreiten dürfen.
Lobbyarbeit gegen strengere Umweltauflagen
Doch die Lobby arbeitet. In einer Stellungnahme vom Juli 2026 an die deutsche Bundesregierung erklärte Microsoft, man unterstütze saubere Energie sowie Strom- und Wassereffizienz als Nachhaltigkeitsindikatoren. Zugleich forderte der Konzern Änderungen an den vorgesehenen Kategorien zur Wassereffizienz im Label, wie aus dem deutschen Lobbyregister hervorgeht.
Der Verband der Internetwirtschaft eco warnte: Europa dürfe „den Ausbau von Rechenzentren nicht durch neue Regulierung selbst ausbremsen“. Dabei ist Deutschland heute schon nach den USA das Land mit den weltweit meisten Rechenzentren.
Bram Vranken vom Corporate Europe Observatory kritisiert: Um „den Weg für diese stromfressenden Rechenzentren frei zu machen“, sei die Kommission dazu bereit, „Umweltvorschriften zu verwässern“. So habe Big Tech mithilfe aggressiver Lobbyarbeit den „Plan der Kommission, Mindeststandards für die Nachhaltigkeit von Rechenzentren einzuführen, zum Scheitern gebracht“.
Kommunen rechnen: Rechenzentren lohnen sich finanziell oft nicht
Eine Studie von IW Consult kommt zu dem Ergebnis, dass sich eine Kommune aus rein finanzieller Sicht häufig eher für einen Chemiebetrieb als für ein Rechenzentrum entscheiden würde – obwohl Rechenzentren politisch gerne als Inbegriff der „Zukunftsindustrie“ präsentiert werden.
Zum Vergleich: Rechenzentren in Irland beanspruchen bereits heute 22 Prozent des dortigen Strombedarfs. In Deutschland sind es noch vier Prozent.
Die Frage der Woche: Wie viel Strom und Wasser darf Deutschlands KI-Aufbruch kosten – und wer entscheidet, wo die Rechenzentren stehen? Die Anwohner in Maintal und Freyenstein haben ihre Antwort schon gegeben. Die Politik? Die hat bislang vor allem eine Strategie.
