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Streitgespräch · Ökonomie & Arbeit

Knapp zehn Milliarden pro Jahrgang – oder Respekt vor Lebensleistung?

TR
Tobias Rehm
8 Min. Lesezeit · 19. Oktober 2026

2,9 Millionen Menschen beziehen die abschlagsfreie Rente mit 63 – 68,6 Prozent mehr als vor fünf Jahren, allein im Mai 2026 kostet das 5,63 Milliarden Euro. Eine DIW-Studie zeigt: Vor allem Gutverdiener mit lückenlosen Erwerbsbiografien profitieren, nicht die Erschöpften. Doch 69 Prozent der Bevölkerung wollen die Regelung behalten – auch die Hälfte der Jungen, die dafür zahlen müssten.

Rente mit 63: Abschaffen oder behalten? Die Debatte um den Kern der Rentenreform

2,9 Millionen Menschen beziehen derzeit die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte – 230.000 mehr als ein Jahr zuvor. Innerhalb von fünf Jahren ist die Zahl der Bezieher um 68,6 Prozent gestiegen. Allein im Mai 2026 zahlte die Rentenkasse dafür 5,63 Milliarden Euro aus.

Die Rente mit 63 – offiziell die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte – ermöglicht es, nach 45 Beitragsjahren ohne die sonst üblichen Abschläge in Rente zu gehen. Diese Zahlen markieren den Ausgangspunkt einer Debatte, die weit über die Rentenpolitik hinausreicht: Sollte die Rente mit 63 abgeschafft werden? Die Frage ist kein akademisches Gedankenspiel, sondern die zentrale Weichenstellung der geplanten Rentenreform. Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, bringt es auf den Punkt: »Die Abschaffung der Rente mit 63 ist ein zentrales und finanziell das wichtigste Element der geplanten Rentenreform. Ohne dieses Element ist die Rentenreform tot.«

Abschaffungsbefürworter: Milliardenkosten und falsche Begünstigte

Was sich hier verändert, betrifft Millionen Beschäftigte, die Rentenkasse und den Arbeitsmarkt gleichermaßen. Für Beschäftigte geht es um die Frage, ob sie mit 63 in Rente gehen können oder länger arbeiten müssen. Für junge Beitragszahler geht es um die Frage, wie viel sie für die Rente der Älteren aufbringen müssen. Es geht um Respekt vor Lebensleistung, um finanzielle Nachhaltigkeit und um die Frage, wie der Sozialstaat mit dem demografischen Wandel umgeht.

Die Befürworter einer Abschaffung argumentieren vor allem mit Zahlen. Fratzscher beziffert die langfristigen Einsparungen auf knapp zehn Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang und erwartet 125.000 zusätzliche Beschäftigte pro Rentnerjahrgang. Eine Studie des DIW im Auftrag der Bertelsmann Stiftung kommt zu ähnlichen Ergebnissen: Die öffentlichen Kassen würden um 9,5 Milliarden Euro pro Rentnerjahrgang entlastet, dem Arbeitsmarkt stünden rund 125.000 Vollzeitkräfte zusätzlich zur Verfügung.

Jedes Jahr nehmen rund 250.000 bis 280.000 Erwerbstätige die abschlagsfreie Frührente neu in Anspruch. Rund 30 Prozent aller neuen Renten entfallen auf diese Option, die damit etwa ein Fünftel der Gesamtausgaben der Gesetzlichen Rentenversicherung ausmacht – Tendenz steigend. Die finanzielle Belastung ist erheblich und wächst. 125.000 zusätzliche Arbeitskräfte sind kein Selbstläufer – sie müssen auch einen Arbeitsplatz finden. In Zeiten des Fachkräftemangels könnte das ein Gewinn sein, aber es wirft auch Fragen nach der Verdrängung jüngerer Beschäftigter auf.

Die Befürworter einer Abschaffung führen zudem verteilungspolitische Gründe an. Eine Analyse des DIW zeigt, dass keineswegs nur Menschen in körperlich besonders fordernden Berufen die Frührente nutzen. Anspruchsberechtigt sind vor allem Beschäftigte mit stabilen, lückenlosen Erwerbsbiografien – Personengruppen, die im Alter ohnehin überdurchschnittlich hohe Rentenansprüche erzielen. Das bedeutet: Die Rente mit 63 wirkt wie eine Subvention für Gutverdiener, nicht wie eine Schutzmaßnahme für Erschöpfte. Wer 45 Jahre ohne Unterbrechung gearbeitet hat, gehört in der Regel zu den privilegierten Arbeitsmarktteilnehmern – nicht zu denen, die nach Jahrzehnten körperlicher Arbeit am Ende ihrer Kräfte sind. Diese Erkenntnis verschiebt die Debatte: Es geht nicht um Solidarität mit den Schwächsten, sondern um die Frage, ob der Staat eine Frühverrentung für diejenigen finanzieren soll, die sie am wenigsten nötig haben.

Gegner der Abschaffung: 45 Jahre Arbeit dürfen nicht bestraft werden

Die Gegner einer Abschaffung setzen auf Gerechtigkeit und Respekt. Anke Rehlinger, Ministerpräsidentin des Saarlands, lehnt den Vorschlag ab: »Ich lehne den aktuellen Vorschlag an dieser Stelle ab, weil er dem Respekt vor der Lebensleistung von Menschen widerspricht. Wer jahrzehntelang gearbeitet hat, verdient Respekt und eine würdige Rente. In Rente sollte man nicht erst gehen dürfen, wenn der Körper streikt.« Sie sieht in den Plänen eine »große Ungerechtigkeit«: Es sei falsch, allein auf das Lebensalter abzustellen, »wenn die Frage der Beitragsjahre keine Rolle mehr spielen soll«. Wer 45 Jahre eingezahlt habe, dürfe dafür nicht bestraft werden.

Diese Argumentation stellt die Beitragsleistung in den Mittelpunkt: Wer ein Leben lang in die Rentenkasse eingezahlt hat, hat sich einen Anspruch erworben, der nicht nachträglich entwertet werden darf. Die Rente mit 63 ist für viele mehr als eine Regelung – sie ist ein Versprechen, dass jahrzehntelange Arbeit nicht umsonst war. Dieses Versprechen zu brechen, hätte Folgen für das Vertrauen in den Sozialstaat.

Auch die Gewerkschaften warnen vor den Folgen für körperlich arbeitende Menschen. Robert Feiger, Bundesvorsitzender der IG Bauen-Agrar-Umwelt, formuliert es drastisch: »Wer 45 Jahre malocht und seine Beiträge gezahlt hat, hat sich den abschlagsfreien Renteneintritt verdient – daran gibt es nichts zu rütteln. Wer diese Regelung streichen will, schickt Millionen Beschäftigte in körperlich harten Berufen praktisch bis zum Umfallen zur Arbeit.« Nach einer Analyse des DGB-Index Gute Arbeit rechnen sieben von zehn Beschäftigten in Pflege- und Bauberufen nicht damit, bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten zu können. Für sie ist die Frührente nach 45 Beitragsjahren kein Privileg, sondern eine Notlösung für körperliche Erschöpfung.

Hier zeigt sich die andere Seite der Medaille: Während die DIW-Studie belegt, dass vor allem Gutverdiener profitieren, belegt der DGB-Index, dass für viele Beschäftigte in harten Berufen die Rente mit 63 die einzige realistische Option ist, dem Arbeitsleben zu entkommen, bevor der Körper versagt.

Die öffentliche Meinung stützt die Gegner einer Abschaffung. Eine INSA-Umfrage im Auftrag des Deutschen Instituts für Altersvorsorge zeigt: Über alle Altersgruppen hinweg wollen 69 Prozent die abschlagsfreie Frührente erhalten, 20 Prozent sind für eine Abschaffung und elf Prozent unentschieden. Bei den 18- bis 29-Jährigen sprechen sich 51 Prozent für die Beibehaltung aus, 28 Prozent für eine Abschaffung; bei den 60- bis 69-Jährigen stehen 84 Prozent hinter der Regelung. Diese Zahlen zeigen: Die Rente mit 63 ist in der Bevölkerung tief verankert, auch bei jungen Menschen, die die Kosten tragen müssten. Das macht eine Abschaffung politisch riskant – und wirft die Frage auf, ob die Politik es sich leisten kann, gegen eine so breite Mehrheit zu regieren.

Asymmetrische Beleglage: Milliarden gegen Gerechtigkeitsargumente

Die Beleglage ist asymmetrisch. Auf der einen Seite stehen harte Zahlen: Die finanzielle Entlastung durch eine Abschaffung ist mit 9,5 Milliarden Euro pro Jahrgang und 125.000 zusätzlichen Arbeitskräften präzise beziffert. Die Inanspruchnahme steigt rasant, die Kosten explodieren. Die Verteilungswirkung ist belegt: Vor allem Gutverdiener mit lückenlosen Erwerbsbiografien profitieren. Diese Fakten sind belastbar und werden von unabhängigen Studien gestützt.

Auf der anderen Seite stehen normative Argumente und Erfahrungswerte. Der Respekt vor Lebensleistung, die Gerechtigkeit für Beitragszahler, die Notlage in körperlich belastenden Berufen – all das lässt sich nicht in Euro und Cent ausdrücken. Der DGB-Index liefert zwar eine wichtige empirische Grundlage für die Belastung in Pflege- und Bauberufen, aber er beantwortet nicht die Frage, ob die Rente mit 63 das richtige Instrument ist, um diese Belastung abzufedern. Die Umfrage zeigt eine breite gesellschaftliche Unterstützung, aber sie sagt nichts darüber, ob diese Unterstützung auf fundierten Informationen beruht oder auf einem verständlichen Wunsch nach frühzeitiger Rente.

Bedürftigkeit oder Beitragsleistung – und was daraus folgt

Ich sehe in dieser Debatte vor allem einen Konflikt zwischen zwei berechtigten Anliegen. Der eigentliche Kern des Dissenses liegt nicht in den Daten, sondern in der Bewertung: Soll der Sozialstaat nach Bedürftigkeit oder nach Beitragsleistung verteilen? Die Rente mit 63 belohnt Beitragsleistung, unabhängig von der Bedürftigkeit. Eine Abschaffung würde stärker auf Bedürftigkeit abstellen. Beides hat Konsequenzen für das Gerechtigkeitsverständnis. Die DIW-Studie legt nahe, dass die Regelung in ihrer heutigen Form vor allem den Falschen zugutekommt. Der DGB-Index legt nahe, dass es eine Gruppe gibt, die auf die Regelung angewiesen ist. Beides gleichzeitig wahr – und genau das macht die Debatte so schwierig.

Drei Schritte zu einer differenzierten Lösung

Was das für die Politik bedeutet, lässt sich in drei Schritten fassen: Erstens die Datenlage ernst nehmen – die finanzielle Belastung und die Verteilungswirkung sind belegt und dürfen nicht ignoriert werden. Zweitens die Gerechtigkeitsfrage nicht ausblenden – der Respekt vor Lebensleistung und die Notlage in körperlich belastenden Berufen sind reale Anliegen, die eine Antwort verlangen. Drittens eine differenzierte Lösung suchen – eine pauschale Abschaffung oder pauschale Beibehaltung wird der Komplexität nicht gerecht. Die Rente mit 63 könnte gezielter auf körperlich belastende Berufe ausgerichtet werden, statt sie allen langjährig Versicherten zu gewähren. Aber das ist eine politische Entscheidung, die nicht durch Zahlen allein getroffen werden kann.

Für Beschäftigte hängt die Lebensplanung an einer ungeklärten Entscheidung

Für den einzelnen Beschäftigten bedeutet die Debatte: Die eigene Lebensplanung hängt an einer politischen Entscheidung, die noch nicht gefallen ist. Wer heute 55 ist und auf die Rente mit 63 gehofft hat, muss möglicherweise umplanen. Wer heute 25 ist, fragt sich, ob er jemals in den Genuss einer solchen Regelung kommen wird. Offen bleibt: Wie lässt sich Respekt vor Lebensleistung mit finanzieller Nachhaltigkeit vereinbaren? Sollte die Rente mit 63 an Bedingungen geknüpft werden, die über die reine Beitragszeit hinausgehen? Was bedeutet die Abschaffung für den Arbeitsmarkt, wenn 125.000 Menschen länger arbeiten – und wie gehen wir mit dem Generationenkonflikt um, den die Umfrage zeigt? Diese Fragen werden die Rentenpolitik der kommenden Jahre prägen. Die Antworten darauf entscheiden, ob der Sozialstaat den Wandel als Chance oder als Bedrohung erlebt.

Dieser Text wurde KI-gestützt erstellt, Aussage für Aussage gegen die Quellen geprüft und redaktionell freigegeben. So arbeiten wir

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